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«Entschuldigen Sie, dass ich wieder so weit ausgeholt habe!»

Am Freitag, 24. März, gab der Historiker und Autor Pimin Meier in der Matthäuskirche Luzern einen Vortrag zusammen mit Regisseur Erich Langjahr. Von den beiden Kulturschaffenden gibt es demnächst Neues auf Papier wie auch auf Leinwand.

«Es war der Anbruch einer neuen Zeit!» Pirmin Meier referierte enthusiastisch über die Zeit vor der Reformation, als der Humanismus ausbrach. 

Einen Vortrag von Pirmin Meier zu besuchen ist fast wie einen Blankovertrag zu unterschreiben, eine Reise zu buchen ohne Routenplan. Weil der Autor, Historiker und Germanist beim Reden stets mehrere Ziellinien anpeilt, die sich wieder verzweigen und stets weiterführen zu neuen Schauplätzen der Geschichte, wo der Referierende sich auskennt wie kein anderer. Zahlen, Figuren und Orte glasklar vor Augen, nimmt er sein Publikum mit auf einen unplanbaren Trip in die Vergangenheit. «Entschuldigen Sie, dass ich jetzt so ausgeholt habe!», sagte Pirmin Meier auch am Vortrag vom 24. März in Luzern mehrmals zu seinem Publikum, und ja, man entschuldigte es ihm. Denn wenn auch die Antwort nicht ganz der Frage entsprach, wurde man reichlich entschädigt mit einem Sightseeing zu Städten, Universitäten und Schlachten des 15. Jahrhunderts zur Zeit der Reformation.

«Bin in Eile...»

Schon seit Längerem war es beim Mail­eingang der Redaktion eher etwas still geworden von Seiten des engagierten, lokal bestens bekannten Historikers und nimmermüden Schreibers, so dass es angezeigt schien, einmal ein Rauchzeichen in seine Richtung aufsteigen zu lassen und zu fragen, wie es ihm eigentlich ginge. Die Antwort kam postwendend und mit gewohnter Dynamik: «... muss bis 13.15 Uhr ein Kapitel abliefern ... es gibt ein gewaltiges Buch mit Sachen über Römerswil, Neudorf, Rain, Gundelingen, Beromünster, Rickenbach und Luzern... Titel ‘Berghumanisten’, Vortrag dazu demnächst, bin in Eile...» Pirmin Meier live. Grund genug, sich wieder einmal auf eine Reise zu begeben. Das Thema des besagten Vortrages basierte auf dem vor einem Jahr veröffentlichten Film «Paracelsus – ein Landschaftessay» von Erich Langjahr und stellte den Arzt und Naturheiler Paracelsus aus dem 15. Jahrhundert in Bezug zur Reformation in der Schweiz.

Filme als Dokumente der Zeit

Dabei wurden Filmausschnitte gezeigt, die zu Wirkungsstätten des Naturmystikers und Wanderarztes führten, der von 1494 bis 1541 gelebt hatte. Orte wie Einsiedeln, Flüeli Ranft, Basel, Salzburg und auch Beromünster tauchten auf der grossen Leinwand in der Matthäuskirche auf, wo der Vortrag stattfand, organisiert von der Reformierten Kirche der Stadt Luzern und moderiert von Delf Bucher.

Der Zuger Filmemacher Erich Langjahr, der den Film zusammen mit Meier produziert hatte, sprach in ruhigem Ton, ganz entsprechend seiner still dahinfliessenden Landschaftsszenen im Film, über seine Arbeit. Für ihn steht die Frage im Zentrum: Wie beeinflusst die Landschaft die Menschen? Er sagt: «Es braucht Menschen wie Pirmin, die der Landschaft eine Seele geben. Die Wirklichkeit hat schon eine Inszenierung. Es geht darum, den richtigen Standpunkt zu finden.» Einen Film zu machen sei wie ein Puzzle ohne Schachteldeckel, man habe kein fertiges Bild vor Augen. Jede Sequenz sei ein Puzzleteil und oft habe man zwar «ein super Teil», aber es passe einfach nirgends hin. «Gerade mit Pirmin ist das so. Ganz wunderbare Teile nahm ich oft wieder heraus. Das hat ihm nicht gefallen!» Meier indessen meinte, es sei gewöhnungsbedürftig, mit Erich Langjahr zusammenzuarbeiten. Denn: «Wenn Erich auf die Reise geht, kann er nicht garantieren, was er filmt. Er filmt einfach was kommt. So entstehen Dokumente unserer Zeit.» Demnächst startet Erich Langjahrs «Sennen-Ballade» aus dem Jahr 1996 neu digitalisiert in den Kinos.

Wie das «Herz des Zerfleischten» nach Basel kam

Pirmin Meier referierte unbeirrbar und enthusiastisch. «Am Vorabend der Reformation war eine ungeheure Bildungsbewegung im Gange. Es war der Anbruch einer neuen Zeit!», sagte er mit Begeisterung. «1510, als in Mailand der Humanismus ausbrach, war dies die beste Hochschule für Griechisch. In Padua wurde experimentelle Medizin praktiziert und in Rom dämmerte es auch schon...» Bald gings weiter zur Schlacht bei Kappel 1531, wo der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli ums Leben gekommen war, «wonach sein bester Freund das Herz des Zerfleischten geborgen hatte und es, weil die Reformierten keinen Reliquienkult tolerierten, in Basel ‹an der Biegung des Flusses› versenkte, wie er in einem Brief an den Beromünsterer Chorherrn ‹Agathius Beronensis› berichtete...»

Einzelgänger gegen den Strom

«Ich versuche, nicht so weit auszuholen!» sagte Meier nochmals, um gleich in vollem Tempo weiterzufahren mit einem Aspekt zur Marienverehrung. «Obschon Paracelsus die institutionalisierte Kirche ablehnte, hielt er an der Marienverehrung fest. Er stellte Maria auf die Ebene des Heiligen Geistes, das war damals sensationell.» Meier bezog sich auf die Mystik von Meister Eckhart aus dem 12. Jahrhundert und erklärte, das «hochmystische Muttergottesbild» habe schon immer existiert und er betonte: «Die Muttergottes ist und bleibt der Geheimtipp der christlichen Religion!»

Pirmin Meier ist ein Autor und Humanist, der sich nicht vom Strom der Zeit forttragen lässt. Er hat die Kraft und unbändige Energie, gegen den Strom zu schwimmen, um zur Quelle des Wissens zu gelangen. Als Forscher ist er ein Einzelgänger, sein Werk ist vielschichtig, womit er Wesentliches leistet für die Gegenwart und Zukunft. Mit welcher Speicherkapazität sein Denkapparat ausgestattet ist, um die riesige Menge an historischen Daten zu behalten, ordnen und blitzschnell abzurufen – das wüsste man gerne. Sein angekündigtes Buch «Berghumanisten» erscheint Anfang dieses Sommers im Verlag Pro Libro.

Der Vortrag mit Filmpräsentation fand in der Matthäuskirche an der Hertensteinstrasse Luzern statt.


Kinostart «Sennen-Ballade» von Erich Langjahr: Ticketverlosung für Premiere im Bourbaki

«Zeit, Raum, Würde – für Mensch, Tier und Landschaft».Premiere des restaurierten, 100-minütigen Films aus dem Jahr 1996 im Kino Bourbaki Luzern am Sonntag, 23. April, um 11.00 Uhr.Infos und Trailer: www.langjahr-film.ch
Der Anzeiger Michelsamt verlost zwei Tickets für die Premiere im Kino Bourbaki Luzern. Senden Sie eine E-Mail mit dem Stichwort «Sennen-Ballade» an wettbewerb@wallimann.ch, dazu Ihre Adresse und Telefonnummer. Mit etwas Glück nehmen Sie schon bald Platz im Kinosessel! Einsendeschluss ist Dienstag, 18. April 2023.


Erich Langjahr, Delf Bucher und Pirmin Meier (von links).


Auch nach dem Vortrag wurde noch eingehend diskutiert über Luther und Zwingli.


Eine Sequenz zeigte den historischen Buchdruck im Schloss Beromünster.


Text und Bilder: Ursula Koch-Egli




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