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Einzig und dr andr – Kleinkunst auf dem Dachstock

Am vergangenen Freitagabend waren «Einzig und dr andr» zu Gast im Culture Club des Kulturforums Rickenbach. Drei Künstler aus Uri, die ihr Herz nahbar machten, Emotion und Erinnerung herüberbrachten aus einer Jugend in der wilden Begrenztheit des Bergkantons. Kleinkunst auf dem Dachstock, ein berührendes Musikerlebnis.

Saitenpoesie vom Feinsten: Einzig und dr andr auf der kleinen Bühne im Dachstock vom Gweyhuus.

«Einzig und dr andr», ein Bandname, den man sich merken darf. Urchig klingend, würde man ihn nicht gleich dem Blue Grass zuordnen. «Im Kern ist es Liedermacherei, mit verschiedenen Musikstilen gemischt», sagt Livio Baldelli, musikalischer Leiter der Band. So steuern die drei Urner Jungspunde mittleren Alters mit Folk, Blues, Jazz, Samba und Hip-Hop ihr Publikum von frohgemut bis tiefgründig durch alle Gemütslagen.

Kleinkunst auf dem Dachstock

Musik oder Comedy, das ist das intime, persönliche Kulturerlebnis, das der Culture Club zweimal jährlich im Gweyhuus Rickenbach bietet. Aufgestöbert an der Künstlerbörse in Thun, finden die entdeckten Formationen den Weg nach Rickenbach. Es sind in der Regel eher (noch) unbekannte Namen, die nicht die Massen anziehen, die zu merken es sich aber lohnt.

So auch «Einzig und dr andr», wo man sich wunderte, wer da dahintersteckt. So sind es deren drei, nicht zwei, die in dieser Band musizieren. Auf einigen Wortwitz durfte man sich also gefasst machen. Urchig und berglerisch, wie der Name klingt, tingeln sich «Einzig und dr andr» jedoch souverän durch Stilformen wie Blues, Jazz, Blue Grass, Folk, Samba und Hip-Hop. Drei Urner, drei Liederer, Erzähler, drei Stimm- und Saitenkünstler mit einem die ganze Bandbreite abdeckenden Gefühlsreichtum. Zum Lachen wie zum Weinen ist es, was sie besingen, dem Publikum herüberbringen. Geschichten von sich, in denen sich das Publikum wiedererkennt.

Das Herz auf der Hand

Schon bei der Begrüssung meinte Nico Negri, Mitglied des Kulturforums: «Sie überzeugten uns an der Künstlerbörse durch ihren Humor und ihre Geschichten mit Witz, die Erinnerungen an die eigenen Jugendjahre aufkommen lassen.» Und schmunzelnd, schon fast einen Songtext imitierend: «Wo mer no hei chönne tue, hei chönne liebe ond sii...» Womit er selbst mit seiner Ansage dem Publikum schon den ersten Lacher entlockte.

Unverhohlen besangen die drei Stimm- und Saitenkünstler schon beim ersten Stück die grosse Liebe ehrlich und direkt. Präsentierten ein Herz, das liebt und leidet, schlägt und hält, auch mal zurückschlägt. Feinste Poesie klang da an, von warmen Stimmen getragen. («Mein Herz will die ganze Zeit zurück – zu mir.») Durchs Band hindurch war es, ohne jemals kitschig zu wirken, immer wieder dieses pumpende, menschliche Organ, das die wichtigste Stelle aller besungenen Erlebnisse einnahm. («Irgendwenn schlad mis Härz zrugg, und nume du bisch da, wos uffahd...»)

Livio Baldelli am Banjo.


Zum Mit- und Darüberlachen

Livio Baldelli, Matteo Schenardi und Benno Muheim führten unter den Balken des abgedimmten Dachstocks malerisch zu Schauplätzen ihrer Jugend im Kanton Uri. Jung sein, gross werden und doch nie ganz erwachsen... vom Schulzimmer zum Fussballplatz, vom Spital zum Elternhaus, Geschichten zum Schmunzeln, zum Mit- oder Darüberlachen – je nach eigenem Erfahrungswert.

Das Scheitern wird besungen, Peinlichkeiten werden ausgerollt und Herzschmerz auf der Hand präsentiert. Und ewig besungen das Clubhaus des FC Flüelen, mit genüsslich viel Selbstironie. («S’gahd mer ändlich alls am Arsch verbii...») Die Ping- pong Karriere, die im Fiasko endete, der Schulkamerad mit Beinbruch, die Familie mit der Hängematte in der Stube... «Diese Ansage hat nichts zu tun mit dem nächsten Lied», witzelte Frontmann Benno, der Grosse mit dem grössten Instrument, der das Publikum fliessend zwischen den Songs unterhielt.

Benno Muheim am Kontrabass - und am Erzählen!


Humor und Gefühl

Die Poesie von Einzig und dr andr erinnert an die unverblümte Ehrlichkeit einer Züri West, an die Feinheit eines Stefan Eicher, aber ebenso an die Lebensfreude einer Band wie Hecht. Inhalte über Todeserfahrungen und Verlustschmerz, («sie isch det, sie isch dänä, und ich bi da...») wechseln ab mit Erinnerungen an Klavierauftritte im Rokoko-Kostüm, Spaghettitanz und Breakdance-Blamagen im Jugendlokal, und natürlich immer: an eine begehrte, gewonnene und verlorene «sie».

Humor und Gefühl ist eine Verbindung, die erst zusammen beides noch stärker werden lässt. Einzig und dr andr kriegen das in ihrem Auftritt prächtig hin. Erfrischend, überraschend, mit unerwarteter Tiefgründigkeit. («Ich weiss, ich mues jetzt en Alge sii...»)

Die Band spielte und agierte zunehmend lockerer, obschon sie es von Anfang an schon war. Dazwischen wurde das Publikum auch mal zum Mitsingen animiert. Sämtliche Register wurden gezogen, vielleicht auch mal eines zu viel, das gar nicht nötig wäre, denn Animation brauchte es in dem intimen Konzertrahmen nicht. «Mögt ihr noch? Wir habens gedacht!» Zur Zugabe gings nochmals beschwingt an die Flüeler Chilbi. («Wer von dort alleine heimgeht, bleibt ein Jahr lang der ‘Tubel’») ... und weiter im Text: «Wer liebt, wird selten verschont!» Ja, so war es. Er brachte sie mit dem Töffli heim. Zu ihrem Freund.

Durch alle Stürme

Und wie hat es ihrem Herz gefallen? Als nach dem Konzert ein gutes Dutzend Instrumente samt Zubehör wieder versorgt und nach unten gebracht werden, beweisen Einzig und dr andr auch neben der Bühne viel Poesie: «Sehr gut! Unser Herz darf durch alle Stürme gehen! Verliebt sein ist ein Türöffner.» Auch jetzt noch knüpfen ihre Erfahrungen an jene der Pubertät an. «Die Gestaltbarkeit der Persönlichkeit ist mit 16 unausweichlich, und jetzt passiert es wieder!», erklärt Benno. Was heisst, jetzt? Sie alle sind im Alter zwischen 45 und 50. «Jetzt passiert es über Schmerzerfahrung», sagt er tiefsinnig, «die Durchlässigkeit wird grösser... » Und Matteo fügt freimütig an: «Es ist grandios, wenn sich jemand so heftig verliebt!»

Matteo Schenardi an der Ukulele.


Seit elf Jahren als Band unterwegs

Einzig und dr andr bestehen seit 2013 als Band. Benno Muheim und Matteo Schenardi stehen als Co-Autorenschaft für die Texte sowie die Dramaturgie, während Livio Baldelli die musikalische Führung innehat. Matteo (Perkussion, Gitarre, Trompete und Gesang) ist Theaterpädagoge an der Pädagogischen Hochschule in Schwyz, Dozent und Theaterlehrer. Livio (Mandoline, Banjo, Gitarre und Gesang) kommt ursprünglich aus der Gastronomie, hat schon immer Musik gemacht und ist beruflich Musiklehrer. Benno (Kontrabass, Ukulele und Gesang) spielt unter anderem bei der Kinderliederband Silberbüx und ist ebenfalls im Theaterbereich tätig.

Und über den Auftritt im Gweyhuus sagt Matteo: «Ich bin sehr dankbar für dieses Engagement. Wir wurden warmherzig empfangen. Ich habe mich pudelwohl gefühlt in der Enge dieses Raumes. Genau so ist Kleinkunst!» 

Im Publikum sass übrigens auch Roman Schuler aus Neudorf. Er ist in Flüelen aufgewachsen, las in der Zeitung, dass sein einstiger Schulkamerad in Rickenbach auftritt, und so ging er hin. Da konnten die Highlights der Flüeler Jugend von damals im Dachstock des Gweyhuus gleich doppelt aufblitzen. 

Einzig und dr andr im Gweyhuus Rickenbach.



Text und Bilder: Ursula Koch-Egli





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