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Ein herausfordernder Start in die Berufswelt

Der Lehrstellenparcours hat mit der 8. Austragung den Namen gewechselt und heisst neu Berufswahlparcours. Die Organisatoren, Gewerbeverein und Schule, fanden, das trifft die Sache besser. Das Erfolgsrezept bleibt hingegen unverändert: Achtzig Schülerinnen und Schüler erhalten einen ersten Einblick in die Berufswelt. Für praktisch alle ist dies der erste Schritt zum Lehrvertrag.

Die Anmeldung für den Berufswahlparcours läuft. Auch heuer können die rund achtzig Schülerinnen und Schüler der 2.Sekundarstufe wieder aus insgesamt 75 Berufen auswählen. Bei seiner Einführung war der Berufswahlparcours eine Beromünster Pionierleistung und kann inzwischen auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Immer mehr Gemeinden im Kanton Luzern steigen auch auf. An der Generalversammlung des Gewerbevereins Beromünster und Umgebung im vergangenen März konnte der dafür verantwortliche Vizepräsident Armin Amrein vermelden: «Letztes Jahr haben siebzig Schüler teilgenommen und heute haben alle eine Lehrstelle.» Das ist nur dank besonderem Engagement möglich und weil sich das Gewerbe dafür mit der Schule eng verzahnt. Seitens Schule ist auch die Elternmitwirkung – konkret Perinne Herzog und Sara Gugelmann – stark engagiert, so dass er auch heuer wieder stattfinden kann. Die zukünftigen Lernenden können sich dabei für fünf Wunschberufe anmelden und bekommen nach der Einteilung in vier davon Einblick. Besonders beliebte Berufe waren zuletzt «medizinische/r Praxisassistent/in», «Schreiner/in», «Coiffeur/-euse», «Bäcker/in-Konditor/in» und «Sportartikelveräufer/in». Durchgefallen sind «Dachdecker/in», «Boden-Parkettleger/in», «Plattenleger/in» und «Strassentransportfachmann/-frau», wobei dies von Jahr zu Jahr sich stets ändert.

Der Berufswahlparcours beinhaltet auch ein Lehrmeister- und ein Lehrlingsatelier. In ersterem erläutern Lehrbetriebe ihre Anforderungen und Erwartungen an die zukünftigen Lernenden, im Lehrlingsatelier geben zwei Lehrlinge ihre Erfahrungen und Tipps zur Lehrstellensuche, dem Bewerben und zur Berufsschule weiter. Auch wird in einem «echten» Telefongespräch geübt, wie man sich eine Schnupperlehrstelle organisiert.

Nach dem Parcours folgen die obligaten Schnupperlehren, diese erfolgen in dem dreiwöchigen Zeitfenster während den Herbstferien der Schule und in der Woche danach.

Interview mit Christian Meyer von der der Gebrüder F. & B. Meyer AG, Fassaden, Dach, Metallbau

Christian Meyer: «Oft sehen wir, dass Arbeiten nicht bis zum Schluss mit dem selben Engagement und in der Qualität wie am Anfang zu Ende gebracht werden.»

Was erwartet nun die zukünftigen Lernenden in der Schnupperlehre, was passiert bis ein Lehrvertrag unterschrieben werden kann. Stellvertretend nachgefragt bei Christian Meyer, Geschäftsführer und Inhaber der Gebrüder F. & B. Meyer AG, Fassaden, Dach, Metallbau in Neudorf.

Christian Meyer, hat der Berufswahlparcours auch für einen Lehrbetrieb Vorteile oder ist das in erster Linie eine Dienstleistung für die Schülerinnen und Schüler?

Es hat sicher Vorteile für unsere Firma wie auch unseren Beruf. Die meisten kennen unseren Beruf und was wir genau machen nicht. So können wir ihnen beides näher vorstellen. Man muss sich vorstellen, letztes Jahr haben schweizweit elf Lernende die Lehre als Fassadenbauerin/Fassadenbauer EFZ abgeschlossen.

Reden wir in Ihrem Fall von Schülern oder bilden Sie auch Fassadenbauerinnen aus?

Wir bilden auch Fassadenbauerinnen aus, wir hatten auch schon Schülerinnen für eine Schnupperlehre bei uns, leider kam bis jetzt noch kein Lehrverhältnis zustande.

Können Sie sich erklären, weshalb die Resonanz kleiner ist als bei anderen Berufen?

Fassadenbauer ist eine Fachrichtung des Polybauers. Weitere Fachrichtungen sind Dachdecker, Abdichter, Storenmonteur und die ganz neue Richtung Solarinstallateur. Auch den Beruf Fassadenbauer gibt es erst einige Jahre. Wir als Lehrfirmen sind mit dem Polybau-Verband und den Fachlehrern der Berufsschule laufend dabei den Beruf besser zu etablieren und mit einem scharfen Berufsbild bekannt zu machen.

Den Parcours gibt es schon mehrere Jahre, gilt immer noch der klassische Fall, dass sich ein angehender Lernender um eine Lehrstelle bemüht, oder betreiben Sie Ihrerseits eine Art «Scouting»?

Beides, der Standard ist meist immer noch so, dass sich die angehenden Lernenden bei uns bewerben, aber die Mund zu Mund Propaganda, sei es von Lernender zu Schüler oder Mitarbeiter zu Bekannten deren Kinder in der Berufsauswahl stehen, ist ebenso effektiv.

Nach dem Parcours folgt üblicherweise eine Schnupperlehre, welche Erkenntnisse wollen Sie als Lehrfirma hier gewinnen?

Das Wichtigste ist für uns als Lehrfirma, dass wir sehen, ob die oder der Schnupperlernende Freude im Umgang mit Metall hat und ein wenig handwerkliches Geschick mitbringt.

Viele Lehrmeister trauern den klassischen Schulnoten nach, welche die Einschätzung eines Schulabgängers einfacher machten, wie stehen Sie dazu?

Aus meiner Sicht war es früher auf dem Papier sicher einfacher, da aber für mich als gelernter Handwerker die Schulnoten nicht zwingend das A und O sind, sondern ein Teil des Ganzen. Freude am Handwerk oder die Sozialkompetenz sind ebenso wichtige Faktoren. Ich kann deshalb gut damit leben wie es ist.

Wenden Sie einen der bekannten Tests, wie den Basic-Check oder den Multicheck an, welche eine exaktere Einschätzung ermöglichen?

Nein.

Welche «harten» Kriterien entscheiden am Ende für oder gegen einen Lehrvertrag?

Ist die oder der angehende Lernende handwerklich begabt, hat sie oder er ein rasches Auffassungsvermögen und die Soziale Kompetenz sprich passt sie oder er zu unserer Firma.

Das Wichtigste ist zu sehen, ob es der richtige Beruf für die Schulabgängerin oder den Schulabgänger ist, es bringt beiden Seiten nichts, wenn sie oder er keine Freude an unserem Handwerk hat.

Werfen Sie beim Entscheidungsprozess auch einen Blick auf eine allfällige Instagram-Seite – oder dergleichen – des Bewerbers?

Nein, das ist und bleibt Privat­sache.

Sie haben eine recht lange Liste von Dingen, die Sie einem Lernenden bieten, welche das gängige Mass sprengen, etwa den Geburtstag als bezahlten Feiertag, die Kostenübernahme des Schul-Laptops und einiges mehr, machen Sie gute Erfahrungen damit?

Ja, bis jetzt haben wir nur positive Erfahrungen gemacht, den Geburtstag «schenken» wir aus Goodwill und als Wertschätzung. Für viele Familien ist das Leben schon sonst enorm teuer, und mit der Kostenübernahme der Schul-Laptops möchten wir dafür sorgen, dass die Lehre nicht noch eine zusätzliche Belastung darstellt. Stellen Sie sich vor, eine Lernende oder ein Lernender kann die Lehre nicht antreten, weil er die zusätzlichen Kosten für Laptop oder Reisekosten nicht tragen kann. Das wäre ja der Horror.

Welche Forderungen an die Lernenden verbinden sich im Gegenzug damit?

Dass sie sich voll und ganz auf die Lehre konzentrieren.

Stichwort «Handy», es gibt Berufsbilder, welche Mühe haben den Handy-Konsum ihrer Lernende während der Arbeitszeit in den Griff zu bekommen, sie offerieren sogar eine Kostenbeteiligung am Handy-Abo, welche Philosophie steckt dahinter?

Bei uns werden Lernende früh mit Verantwortung beauftragt, was heisst, auf Baustellen gewisse Anschlussteile selbst zu messen und bei uns in der Werkstatt zu bestellen. Oder wenn sie Arbeiten in der Werkstatt ausführen und es Fragen oder Unklarheiten zu Formteilen gibt, dass sie die Punkte direkt mit den Monteuren, welche sich vor Ort auf der Baustelle befinden, klären. So können wir sie fördern in dem, dass sie sich in einem gewissen Masse selbstständig organisieren können.

Eine Lehre besteht ja nicht allein aus der Vermittlung von Fachwissen, gibt es Dinge – vielleicht Verhaltensmuster – die bei Lernenden im ersten Lehrjahr besonders oft korrigiert werden müssen?

Disziplin ist meist ein Faktor an dem wir arbeiten müssen, oft sehen wir, dass Arbeiten nicht bis zum Schluss mit demselben Engagement und in der Qualität wie am Anfang zu Ende gebracht werden, obwohl wir wissen, dass die/der Lernende die Arbeiten beherrschen.

Der Ruf der «heutigen Jugend» ist traditionell etwas negativ behaftet. Wie erleben Sie das? Welches Fazit ziehen Sie aufgrund von Ihren Begegnungen mit Schülerinnen, Schülern und Auszubildenden?

Aus meiner Sicht sind es oft nicht die heutigen Jugendlichen die das Problem darstellen, sondern ihre erwachsenen Vorbilder. Viele geben den Jugendlichen das Gefühl, dass gerade die handwerklichen Berufe etwas weniger Wert sind, nach dem Motto: Du machst «nur» eine Handwerkerlehre. 

Martin Sommerhalder




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