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Don Bosco: Kriegstraumata mit Fussball überwinden

Je länger der Ukrainekrieg dauert, umso mehr junge Männer sterben oder kommen als Kriegsversehrte von der Front zurück oder nehmen Schaden als Zivilisten im Bombenhagel. Sie haben ein Bein oder einen Arm durch Granatsplitter oder explodierende Minen verloren. Diese Menschen müssen im Leben einen neuen Halt, eine neue Aufgabe und neuen Mut finden. 

Die beiden Teams des FK Pokrova treffen im Stadion Gründenmoos ein.


Don Bosco hat deshalb die in Lwiw seit Jahren erfolgreich aufgebaute Fussballschule mit Teams des sogenannten «Amputierten-Fussballs» ergänzt. Es ist die erste Fussballschule dieser Art im ganzen Land. In Zusammenarbeit mit der Football is More Foundation und ihren Partnerclubs werden seit 2024 Trainer und Spieler für den Aufbau von Teams mit Kriegsversehrten und Beinamputierten ausgebildet. Sie nehmen bereits an der Meisterschaft der polnischen Liga teil und hatten einen vielversprechenden Start. In kurzer Zeit ist es gelungen, Menschen mit schweren Kriegsverletzungen durch Fussball wieder teilweise ins Leben zurückzubegleiten. Sie kommen aus der Isolation heraus, nehmen an Gruppenaktivitäten teil, lernen Fussball mit Krücken zu spielen, messen sich mit anderen und finden neuen Lebensmut.

International Helvetia Cup in St. Gallen

Vom 8. bis 11. August fand in St. Gallen der International Helvetia Cup statt – Fussball für Inklusion. Daran nahmen auch zwei Teams des FK Pokrova aus Lwiw/Ukraine teil. Das Amputee Football Turnier begeisterte die Zuschauerinnen und Zuschauer. Für viele war es das erste Mal, dass sie Amputee Fussballspiele sahen, und es überraschte, mit welcher Geschwindigkeit und welchem Körpereinsatz gespielt wurde. Dabei ging es auf dem Platz durchaus hitzig, aber auch immer fair zu und her. Spätestens nach dem Schlusspfiff wurden aus Gegnern wieder Gleichgesinnte, welche den Spass am Spiel genossen. Besonders erfreulich war, dass die beiden Teams des FK Pokrova mit Kriegsversehrten und Beinamputierten aus der Ukraine durchaus mithalten konnten, und das, obwohl sie teilweise noch nicht einmal ein Jahr Amputierten-Fussball spielen. Eines der beiden Teams erreichte gar den geteilten ersten Rang und damit den Turniersieg, zusammen mit dem Everton FC aus Liverpool.

Bogdan Melnyk, Trainer des FK Pokrova, ist stolz auf seine Spieler. Er sagt: «Ich habe vor einem Jahr als Trainer des FK Pokrova begonnen. Inzwischen bin ich mehr Organisator und Manager. Erst vor einem Jahr habe ich erfahren, dass es den Amputierten-Fussball gibt. Der Don Bosco Pater Mykhailo hatte mich angefragt, ob ich so ein Team aufbauen würde. Zuerst mussten wir interessierte Spieler finden – die Suche war nicht ganz einfach. Ich besuchte Rehabilitations-Zentren, Freiwilligen-Organisationen und Spitäler. Ich habe mit vielen Kandidaten gesprochen und sie motiviert, dabei zu sein. Die Einzelschicksale unserer Spieler gehen mir sehr nahe und zeigen mir gleichzeitig, wie wichtig dieser Amputierten-Fussballclub ist. Nach einem Jahr haben wir nun 35 aktive Spieler in unserem Fussballclub, 80 Prozent von ihnen sind kriegsversehrte Soldaten, die anderen haben durch eine Krankheit oder einen Unfall ein Bein verloren. Unsere Arbeit schenkt den Menschen emotionale und psychologische Hilfe, aber auch Freude auf vielen Ebenen. Meine Vision ist, dass das Ganze noch viel grösser wird. Ich träume auch von eigenen Mannschaften für Frauen und Kinder. Und dass der Amputierten-Fussball in der ganzen Ukraine Menschen mit Behinderung neuen Halt und Hoffnung gibt. Wir geben den Menschen damit ein Stück des Lebens zurück, das sie verloren haben.»


Auf dem Platz ging es durchaus hitzig, aber auch immer fair zu und her.


Besuch im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil

Eine Delegation des ukrainischen Fussball-Teams reiste einige Tage vor dem Turnierbeginn in Beromünster an. Auf dem Programm stand ein Besuch des Schweizer Paraplegiker-Zentrums in Nottwil. Höhepunkt des Rundgangs war ein Treffen der beiden Krücken-Fussballer Valentyn Osovskyi und Dmytro Schegelskyi vom Fussballclub Pokrova mit Marcel Hug. Der hochdekorierte Schweizer Rollstuhl-Spitzensportler mit Weltrekorden auf allen Distanzen sowie Welt- und Olympiasieger vermittelte Lebensmut – ist er doch ein aussergewöhnliches Beispiel, was trotz Behinderung erreicht werden kann.

«Ich freue mich sehr über diese Begegnung», so Marcel Hug, «und darüber, den kriegsversehrten Menschen aus der Ukraine Hoffnung und Mut machen zu können.»

«Sport verbindet, wo Traumata bestehen», so Markus Burri, Geschäftsleiter der Don Bosco Jugendhilfe Weltweit mit Sitz in Beromünster. Damit meint er sowohl körperliche wie auch seelische Verletzungen, die bei Kriegsopfern besonders tief sitzen. «Die Sprache des Sports ist universell und wird in den Don Bosco-Hilfsprojekten weltweit eingesetzt: Siege feiern, aus Niederlagen lernen, am Teamgeist wachsen, jedenfalls aber in positiver Bewegung sein», beschreibt Markus Burri die gezielte Förderung des Sports zur Sozialintegration und Inklusion benachteiligter Menschen im Rahmen der weltweiten Entwicklungsprojekte der Salesianer Don Boscos.


Dmytro Schegelskyi, P. Mykhailo Chaban, Valentyn Osovskyi und Bogdan Melnyk freuen sich über das Treffen mit Marcel Hug.   

Bild: Daniela Flickentanz


Die Menschen leben mit dem Krieg

Als der Krieg ausbrach, war unklar, ob und wie die Salesianer Don Boscos in der Ukraine weiterarbeiten können. Ob sie die Angebote in ihren Jugendzentren und Bildungsstätten weiter aufrechterhalten können. Die Situation hat sich eingependelt. Das Land und seine Menschen leben mit dem Krieg. Die Salesianer Don Boscos arbeiten im Rahmen des Möglichen – trotz der immensen Herausforderungen. Ob der Notlage sind weitere Projekte dazugekommen.

Das Familienhaus Pokrova in Lwiw beherbergt aktuell 70 Kinder, die meisten davon Vollwaisen. In den vergangenen Jahren sind dreissig neue Kinder, mehrheitlich aus dem Kriegsgebiet im Osten des Landes, dazugekommen und ebenso viele sind adoptiert worden oder, weil sie volljährig wurden, weggegangen. Wichtig ist es, dass die jungen Menschen einen guten Ort finden, wo sie ein Zuhause finden.

Auf einem den Salesianern gehörenden Grundstück wurde in Zusammenarbeit mit der Regierung eine Containersiedlung für 1000 Binnenflüchtlinge – mehrheitlich Frauen und Kinder – errichtet. Diese Menschen werden täglich mit Essenspaketen versorgt. Zusätzlich werden täglich 1000 Mahlzeiten an Menschen in umkämpften Kriegsgebieten verteilt. Auch wird in den Kriegsgebieten wichtige Informationsarbeit geleistet. 70 Frauen aus dieser Siedlung machen im Don Bosco Zentrum in Lwiw eine Berufsausbildung.

Langfristig, für die Zeit nach dem Krieg wünscht sich der Don Bosco Pater Mykhailo, dass ein grosses und ganzheitliches Sport- und Rehabilitationszentrum für kriegsversehrte und traumatisierte Menschen errichtet werden kann. Es soll ein Ort der Hoffnung und Genesung werden und Perspektiven für die Zukunft aufzeigen.



Don Bosco Jugendhilfe Weltweit:
Die Gemeinschaft der Salesianer Don Boscos wurde 1859 von Giovanni Bosco in Turin gegründet. Dort bekämpfte er erfolgreich die Not der benachteiligten und ausgegrenzten Jugendlichen. Das Anliegen Don Boscos, die jungen Menschen ernst zu nehmen, ihre Nöte und Bedürfnisse zu sehen, ihnen eine Stimme zu geben und die Möglichkeit, ihr Leben selbst zu gestalten, ist auch heute wichtig – überall auf der Welt. Die Don Bosco Jugendhilfe Weltweit ist Teil des weltweiten Netzwerks der Salesianer Don Boscos und unterstützt die Arbeit der Salesianer zugunsten benachteiligter und bedürftiger Kinder, Jugendlicher und Familien, unabhängig von Herkunft, Religion oder Geschlecht. Aktuell sind rund 14 100 Ordensangehörige und mehr als 400 000 Fachkräfte und Freiwillige in 136 Ländern tätig.
Spendenkonto Postfinance
Don Bosco Jugendhilfe Weltweit
CH06 0900 0000 6002 8900 0
Internet: www.donbosco.ch






Text: Noël Hodel / Katharina Kocherhans




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