Die Spur führt in den Tartarus
Was verbindet die Chilegass in Beromünster mit griechischer Mythologie? Das denkmalgeschützte Haus 11/13 wird demnächst renoviert und um seinen Namen rankte sich ein Geheimnis. Nun hat es ein aufmerksamer Leser gelüftet, seine Spur führt in die Unterwelt.
Wer sich in Beromünster niederlässt, spürt sehr bald die geschichtliche Verankerung dieser Ortschaft. Und da taucht unweigerlich früher oder später auch der Name Suter auf. Diese Erfahrung machte auch Jo Ottiger, Landschaftsarchitekt aus Rothenburg, der kürzlich das denkmalgeschützte Haus an der Chilegass 11/13 erworben hat. Gleich zwei dieser «Suter» sind es, die ihn mit ihrem historischen Wissen umtreiben. Es geht um den Namen des bald vierhundertjährigen Gebäudes.
Antwort blieb aus
Es war – wie könnte es anders sein – der Künstler und «Urmöischterer» Ludwig Suter, der den neuen Hauseigentümer vor einem Jahr in so manche historische «Möischterer» Begebenheit einweihte, wie etwa die Tatsache, dass das kleine Quartier zwischen Badgasse und Pfarrkirche früher «Staublumpen» genannt wurde. Ebenfalls hat ihm Ludwig weisgemacht, dass sein erworbenes Gebäude neben der Pfarrkirche St. Stephan zu früheren Zeiten «Taurus» genannt worden sei. Wieso und warum – diese Antwort blieb er ihm leider schuldig. Taurus (griechisch: Stier) war ein imposanter Begriff, der Ottigers Umbauprojekt fortan betitelte und zudem einem damit verbundenen Kunstprojekt den Namen gab. Vor einem Monat berichteten wir darüber: «Taurus – die Magie eines Geheimnisses». Nur – das war noch nicht die ganze Wahrheit.
Aufmerksamer Leser
Denn es gab einen, der aufmerksam mitlas. Einer, der sich ebenfalls präzise an so manche historische Begebenheit von Beromünster erinnert und tatsächlich die wahre Bezeichnung des Hauses noch kennt und er heisst, wie könnte es anders sein: Suter. Joseph Suter. Der pensionierte Zahnarzt aus Beromünster meldete sich per Mail bei der Redaktion und schon bald sass er mit Jo Ottiger gemütlich bei einer Tasse Kaffee am runden Holztisch in der heimeligen Stube des uralten Hauses an der Chilegass. «Er müsse weit ausholen», begann Suter, und spulte den Faden der ganzen Geschichte ab: von Karl dem Grossen über die mittelalterliche Stiftsschule bis hin zu Fräulein Maria Estermann in den 1940er Jahren – und eben auch bis zur Unterwelt der griechischen Mythologie.
«Die Studenten waren hier viel freier als diejenigen im Stift unter der Obhut der Chorherren.» Joseph Suter (89) erinnert sich heute noch gerne an die «Kostgeberei» im Tartarus Mitte letzten Jahrhunderts.
Die Kostgeberei
Joseph Suter hat die «Lateinschule», wie sie damals hiess, in Beromünster von 1947 bis 1951 besucht. Und der Ursprung dieser Schule, wie aller andern Stiftsschulen auch, so weiss er, sei bei Karl dem Grossen zu finden, dessen Wille es im 8. Jahrhundert n.Chr. schon gewesen sei, dass Chorherrenstifte Klosterschulen führten. So habe in Beromünster seit der Gründung des Stiftes St. Michael vor über tausend Jahren eben immer eine Stiftsschule existiert, wo die sieben freien Künste Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie gelehrt worden seien.
Nun, das war wirklich weit ausgeholt. Jo Ottiger lauschte gespannt. Weiter führte Suters Erzählung in die vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Da Beromünster kein Internat hatte, wohnten die auswärtigen Stiftsschüler bei den Chorherren im Stift, oder aber in der sogenannten Kostgeberei bei Fräulein Maria Estermann, und dies war eben in dem Haus, wo sie gerade sassen und Kaffee tranken.
Ein Treffpunkt
Rund ein Dutzend junge Burschen im Alter von 13 bis 17 Jahren seien da jeweils ein- und ausgegangen, die das Progymnasium in Beromünster und später ein Kollegium besucht haben. Das Stift war oben, die Kostgeberei unten angesiedelt, und so gaben die Stiftsschüler, in Griechisch und Latein bestens unterrichtet, dem grossen und belebten Haus den Namen Tartarus: Unterwelt. (griechisch: Tartaros).
«Ich war oft da», erinnert sich Joseph Suter, der als Bauernsohn in der Oezlige aufgewachsen ist. «Die Studenten waren hier viel freier als diejenigen im Stift unter der Obhut der Chorherren. Wir kamen oft in den Tartarus, um zusammen zu lernen. Fräulein Estermann war sehr grosszügig. Sie hatte die Studenten gerne. Es war ein offenes Haus, unser Treffpunkt. Und in der Freizeit hat sie Rosenkränze geflickt...»
Zukunft hat Herkunft
Über siebzig Jahre liegen diese Erinnerungen nun zurück. «Es darf doch nicht sein, dass dieses Haus einen falschen Namen bekommt», sagte der 89-Jährige bescheiden lächelnd, aber bestimmt. Wird nun der neue Eigentümer die Bezeichnung in all den Beschreibungen und Plänen wieder ändern, von Taurus zu Tartarus? Mit dem uralten Gebälk und Gemäuer hat er offensichtlich auch ein Stück Geschichte erworben. Zusammen mit seinem Sohn Samuel Bättig von Bättig Heldstab Architektur GmbH, hat er ein grosses Projekt in Angriff genommen und steht kurz vor der Baueingabe. Sechs Drei- bis Fünfzimmerwohnungen sind in dem Haus geplant. «Tartarus klingt mystisch und geheimnisvoll», sagt Jo Ottiger schmunzelnd. «Wir gehen hier in die Tiefe, dann kommt etwas zum Vorschein – das gefällt mir. Dieses Haus war belebt und so soll es auch wieder sein.» Seine Gedanken richten sich in die Zukunft und zur Frage, wer dereinst diese Räume wieder bewohnen könnte. Tatsächlich sei es auch eine Intention von ihm, dass sie als Studentenwohnungen dienen könnten. Dann würde sich der Bogen wieder schliessen. Zukunft hat Herkunft.
Manchmal reicht eine Tasse Kaffee
Viele Menschen sind es nicht mehr, die sich noch an die Kostgeberei von Fräulein Estermann erinnern. Aber jene, die es noch können, tun es klar und zielsicher. Einer, der damals das Progymnasium in Beromünster besuchte, ist alt Regierungsrat Josef Egli aus Hochdorf. «Im Tartarus!» kommt es wie aus der Kanone geschossen auf die Anfrage, ob er den Ort noch kenne.
Geschichte und Geschichten: Es braucht wache Augen, aufmerksame Leser, offene Menschen und manchmal nur ein Gespräch bei einer Tasse Kaffee, damit ein Stück historisches Wissen auch für die Zukunft erhalten bleibt.
Text und Bilder: Ursula Koch-Egli