Die Neudorferin Erika Stocker (22) sechs Monate nach «Das grosse Backen»: «Wage etwas, auch wenn du nicht weisst, was dich erwartet» (mit Bildergalerie)
Erika Stocker hat es schon mehrmals in den Anzeiger Michelsamt geschafft: Zuerst mit ihrer Qualifikation für «Schweizer Jugend forscht» und dann mit ihrer Teilnahme bei der 2023er-Staffel der SAT.1-Produktion «Das grosse Backen», wo sie den zweiten Platz erreichte und im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt wurde. Der Anzeiger Michelsamt hat sich mit ihr getroffen, um herauszufinden, was seither in ihrem Leben passiert ist, welche Pläne sie hat und welche Erfahrungen sie mit den Medien gemacht hat, die anderen wiederum hilfreich sein können.
Erika Stocker, im Oktober 2023 haben Sie bei «Das grosse Backen» den zweiten Platz erreicht. Damals fassten Sie im Anzeiger Michelsamt Ihre Erinnerungen zusammen mit: «Es war unheimlich schön und ein riesiges Abenteuer. Ich hoffe, dass der Kontakt in unserer «Backfamilie» noch lange bestehen bleibt». Der Dreh ging ja Mitte Mai los, wie ist der Kontakt in der Backfamilie heute?
Der Kontakt bleibt gut und eng unter den damaligen zehn Kandidaten, die aus etwa 1000 Bewerbungen ausgewählt worden waren. Wir haben uns gerade kürzlich auf der Backmesse in Dortmund alle getroffen, Dortmund alle getroffen, vor der wir auch in Friedrichshafen waren und ein paar sogar noch in Dresden und Berlin. Das soll auch in Zukunft so sein, wir wollen uns sicher jährlich treffen. Wir sind auch via WhatsApp und Instagram in Kontakt, auch bei Zoom-Meetings sind recht viele von uns dabei. Wir sind jedoch recht unterschiedlich, so eine Sendung lebt ja auch von unterschiedlichen Charakteren. Dies macht unsere Treffen so interessant und lustig.
Wie handhaben Sie es für sich mit Social Media?
Es ist und bleibt nicht so meine Welt. Für Kontakte über grössere Distanzen wie unsere Backfamilie ist es jedoch ideal und macht mir Freude. Da ich viel zu lernen habe, versuche ich Social Media auf 15 Minuten täglich zu begrenzen. Es ist oft eine Scheinwelt, irgendwo auch eine scheinheilige Welt. Ich mache viel lieber etwas mit meiner Familie, mit Kolleginnen und Kollegen im richtigen Leben, das gibt mir viel mehr. Jedoch zeige ich meine Torten und Gebäcke auf jeden Fall sehr gerne anderen Leuten auf Instagram...
Was ist seit der Sendung in Deutschland und dem ganzen Rummel in Ihrem Leben alles passiert?
Ich habe die Zulassung zum Studium Veterinärmedizin geschafft und in Bern das Studium aufgenommen, wo ich in einer Dreier-WG lebe. Nun habe ich bereits die ersten Semesterprüfungen bestanden. Das Studium dauert 5 1/2 Jahre. Ich lerne viel und gerne auf mein grosses Ziel, Grosstierärztin zu werden. Daneben darf ich vermehrt auch für bekannte Leute backen, was mich riesig freut. Auch Hochzeitstorten sind darunter. Aus zeitlichen Gründen musste ich auch schon Aufträge ablehnen, auch da der Aufwand dafür doch beträchtlich ist und ich immer etwas Besonderes kreieren will.
Welche Türen hat Ihnen der Erfolg bei der Backsendung geöffnet?
Ich habe viele neue Leute kennengelernt und dabei extrem viel gelernt. Ich wurde bekannt als Hobbybäckerin und habe dadurch jetzt deutlich mehr Anfragen für Torten. Eventuell biete ich mal auch einen Backkurs an. Ich habe einen Moment überlegt, voll auf die Karte Backen zu setzen, doch dafür liebe ich die Kühe und generell Tiere zu sehr. Und wenn ich mir mal ein Ziel gesetzt habe, verfolge ich es hartnäckig und leidenschaftlich. Backen bleibt mein grösstes Hobby.
Im April 2023 glänzten Sie mit Ihrer Arbeit «Einfluss der Trockenstellmethode bei Kühen auf Zellzahl und Erregervorkommen in der Milch während der Galtzeit und der Frühlaktation» bei Schweizer Jugend forscht, für die sie gegen 400 Stunden aufgewendet hatten. Hat Ihnen dieser grosse Durchhaltewille nun tatsächlich geholfen?
Auf jeden Fall, im Studium und bei den Backaufträgen, für beides braucht es viel Ausdauer und ein Ziel vor Augen. Ich lege beim Lernen gerne Wert auf Abwechslung und auf die Praxis. Aufwand und Ertrag müssen in einem guten Verhältnis stehen, und es muss immer Freude machen, das ist das wichtigste. Im Rahmen des Studiums werde ich gegen Ende auch wieder eine Arbeit schreiben müssen, sie hat sicher wieder mit Kühen zu tun (lacht herzlich).
Im letzten Jahr haben Sie angefangen, Fagott zu spielen. Sind Sie da immer noch dran?
Ja, klar. Ich habe ja früher Klarinette gespielt. Musik ist ein toller Ausgleich. Ich spiele in Neudorf in der Musikgesellschaft und in der Jugendmusik. Das möchte ich weiterhin nicht missen, auch wenn ich gefordert bin, mit der Zeit wirklich gut Fagott zu spielen (lacht.)
Welche Pläne haben Sie nun für die nächsten Jahre?
Prio 1 ist ganz klar das Studium, getaktet durch die Semesterprüfungen. Das Backen bleibt das grösste Hobby, das ich weiterentwickeln und mich verbessern möchte. Im Sommer gehe ich auf die Alp, das entspricht mir und bringt mir auch was für das Studium. Dann mache ich auch ein zweiwöchiges Praktikum bei einem Tierarzt. Auf all das freue ich mich sehr. Ich bin nicht so das «Reisefüdli», doch ich war mit dem Bike von hier aus in Holland, und Schottland und Irland reizen mich wegen der Landschaft und natürlich wegen den Schottischen Hochlandrindern. Ich mag es, wenn immer etwas läuft, und ich merke es auch, wenn es zu viel wird und ich mehr Ruhe brauche. Die habe ich in Bern und manchmal um Mitternacht beim Backen (lacht).
Welche Erfahrungen haben Sie mit den Medien gemacht, die anderen vielleicht nützlich sein können?
Ich habe vorwiegend gute Erfahrungen gemacht und viel gelernt im Umgang mit Medien, vor Leute zu stehen, mich zu präsentieren, auch gut mit Kritik umzugehen. Ich bin dafür dankbar, Kritik bringt einen weiter. Früher war ich weniger kritikfreudig und hatte weniger Selbstvertrauen. Da hatte ich nun eine tolle Lernkurve dank der Backsendung. An allen Drehorten waren alle Ansprechpartner und Mitarbeiter sehr aufgestellt und offen. Wenn man selber aufgestellt und offen auf alle zugeht, macht man mit fast allen Leuten gute Erfahrungen. Medienleute sind sogar noch etwas offener und spontaner als andere.
Welches war das positivste und welches das negativste Erlebnis, das Sie mit den Medien gemacht haben? Und was überwiegt nun?
Ich habe fast nur positive Erfahrungen gemacht und fast nur positive Feedbacks auf meine Auftritte erhalten. Den ganzen Rummel und das Drumherum mit dem Fernsehen müsste ich nicht ein zweites Mal haben, doch es ist toll, dass ich das erleben durfte. Ich habe es gewagt und hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Ich habe es sehr gerne natürlich und authentisch, das ist eine TV-Produktion per se natürlich nicht immer, doch es ist eine natürliche Sendung, die mir entspricht und hinter der ich stehen kann. Das Schwierigste war, dass wir nie eine Vorvisionierung hatten und nicht wussten, was die Sendungsproduzenten schlussendlich wie zusammenschneiden und wie viele wichtige Arbeitsschritte sie dann nicht zeigten. Da gab es doch manchmal Überraschungen und Situationen, wo jede und jeder der Kandidaten sich nicht ganz verstanden fühlte.
Werden Sie auch die nächste Staffel von «Das grosse Backen» wieder verfolgen?
Bald folgt die 12. Staffel der Sendung, ich bin gespannt, wie das dann als Zuschauerin für mich wird, und werde es mit ganz anderen Augen verfolgen als vor meiner Teilnahme. Ich sehe nun jede Sendung und jeden Film anders als vorher, weil ich weiss, wie die Mechanismen dahinter funktionieren.
Was möchten Sie der Leserschaft des Anzeigers Michelsamt sonst noch sagen?
Wage etwas, auch wenn du nicht weisst, was dich erwartet. Sei dankbar für jede Erfahrung, die du machen darfst, und nimm jede Kritik als ein Geschenk. Ich habe es gewagt, das macht mich stolz, und es kommen jedesmal noch positive Emotionen hoch, wenn ich wieder daran denke, was immer noch fast jeden Tag vorkommt.
Interview und Bilder: Karl Heinz Odermatt