Die Kantonsratspräsidentin Judith Schmutz im Interview: «Politik geht alle etwas an, auch Alltag ist Politik»
Die in Rain aufgewachsene Judith Schmutz (27) wurde am 19. Juni 2023 als Kantonsratspräsidentin vereidigt und leitet seither die Sitzungen des Parlaments. Der Anzeiger Michelsamt hat sich mit ihr über ihre Motivation, ihre Ziele und ihre Werte unterhalten und dabei auch erfahren, wie sie ganz privat als Mensch tickt.
Judith Schmutz, Sie sind seit Ihrem 16. Lebensjahr politisch aktiv. Nun sind Sie als bisheriger Höhepunkt die höchste Luzernerin. Was bedeutet Ihnen dies?
Es ist für mich eine grosse Ehre, aber ich habe weiterhin grosse Erwartungen an mich und an das Amt. Es ist für mich persönlich ein Highlight. Ich kann durch das Amt einen Generationenwechsel gestalten. Das Amt sehe ich nicht als Abschluss meiner politischen Karriere, sondern als Möglichkeit, eine «andere politische Seite» zu entdecken. Zudem sehe ich es auch als Chance, die Bedeutung des Parlaments aufzuzeigen, da medial meist die Regierung im Vordergrund steht. Unsere Parlamente sind das Abbild der Bevölkerung, deswegen sollten sie meiner Meinung nach auch einen grösseren Stellenwert erhalten. Dies möchte ich gerne aufzeigen mit dem Amt.
In einem Interview zur Amtseinsetzung sagten Sie: «Ich habe grosse Erwartungen an dieses Amt und an mich selbst.» Ihnen wird bisher parteiübergreifend eine souveräne Amtsführung attestiert. Wo sehen Sie beim Amt und bei Ihnen selber noch Luft nach oben?
Die politische Kultur hat eine grosse Bedeutung für mich: Respekt, gegenseitiges Zuhören und aufeinander reagieren, offen für andere Meinungen sein und dies auch gegen aussen ausstrahlen. Diese Werte zählen für mich besonders in der parlamentarischen Arbeit.
Mir ist es regelmässig zu laut und zu unruhig im Parlament, diese Rückmeldung erhalte ich teilweise auch von Zuhörer:innen von der Tribüne. Ich habe jedoch auch realisiert, dass die Empfindlichkeit bezüglich Ruhe sehr subjektiv ist und ich mich störe, obwohl dies andere weniger negativ wahrnehmen. Hier kann ich selbst noch an mir arbeiten.
Das Kantonsratspräsidium legitimiert für mich keine besondere Stellung, sondern eher die Pflicht, das Parlament gegen aussen zu repräsentieren und zu stärken. Mit Sonderstellungen oder zusätzlichen Privilegien habe ich eher Mühe und möchte dies, wenn möglich, vermeiden.
Was empfinden Sie als grösstes Privileg, und was als grösste Bürde in diesem Amt?
Aufgrund des Amtes werde ich erkannt und wertgeschätzt. Ich erhalte Einladungen, die ich sonst nie erhalten hätte. Ich habe schnell gelernt, dass die Einladungen an das Amt geknüpft sind und weniger mit meiner Person zu tun haben. Die namentliche Begrüssung an einer Veranstaltung ist beispielsweise etwas Spezielles, was ich davor nicht gekannt habe. Ich durfte bereits viele einmalige Anlässe besuchen und spannende Persönlichkeiten und Traditionen kennenlernen. Das ist ein grosses Privileg und macht mir viel Spass.
Das Amt ist zeitintensiv und erfordert hin und wieder Mut. Für mich ist es gut zu wissen, dass es auf ein Jahr beschränkt ist, sodass ich mir meine Zeit einteilen kann und weiss, dass wieder Zeiten kommen, in welchen ich mehr Zeit für mich haben werde. Am meisten habe ich unterschätzt, wie streng Anlässe und Apéros sein können, wo ich kaum Leute kenne. Teilweise suche ich mir auch eine Begleitung, damit ich mich an ein bekanntes Gesicht wenden kann, wenn ich eine Pause brauche.
Sie werden als sehr kontrolliert, auf Fairness bedacht und umsichtig wahrgenommen. Haben Sie auch eine andere Seite, können Sie auch anders?
Ich bin tatsächlich sehr diszipliniert und konsequent. Spontanität und Flexibilität sind nicht meine grössten Stärken, doch diese Fähigkeiten braucht es für das Amt, sonst wird es mit dem Zeitmanagement und der Terminübersicht schwierig.
Privat spreche ich meist zuerst, bevor ich denke. Dies versuche ich in meinem politischen Umfeld ein wenig zu zügeln. Im Alltag bin ich hier bestimmt offener und weniger bedacht. Aber ich denke, dass ich mich politisch und persönlich nicht gross in den Charakteren unterscheide und auch nur wenig schauspielern muss. Dies kommt manchmal besser, manchmal weniger gut an, aber das finde ich auch nicht so schlimm, ich bin ja nur ein Jahr in diesem Amt (lacht).
Sie haben kürzlich die Anwaltsprüfungen abgelegt und warten nun auf das Ergebnis. Wie nervös sind Sie und wie sieht Ihre berufliche Planung für die nächste Zeit aus?
Ehrlich gesagt bin ich sehr nervös, ich habe viel in die Lernphase investiert. Schlussendlich ist es eine Prüfungssituation und am Tag X muss man liefern. Ich freue mich, hoffentlich bald eine juristische Tätigkeit auf- und Verantwortung übernehmen zu können. Meine nahe Zukunft sehe ich auf jeden Fall in der Juristerei. Die Ausbildung ist lange – ich möchte das Gelernte endlich anwenden können.
Wie entspannen Sie sich von den verantwortungsvollen Aufgaben?
Ich bin so viel wie möglich draussen in der Natur: wandern, biken und bräteln. Da kann ich mich am besten entspannen. Dabei versuche ich das Handy, PC und Mails wegzulegen und möglichst nicht an die To-dos zu denken, was leider nicht meine Stärke ist (lacht herzlich). Und: Staubsaugen.
Wenn eine Fee Ihnen drei Wünsche erfüllen würde, welche wären dies?
Das ist eine schwierige Frage, hier habe ich immer das Gefühl, dass man nur in Fettnäpfchen treten kann (schmunzelt). Also gut, erstens: Ich wünsche mir auf jeden Fall möglichst viel Gesundheit und Zufriedenheit für meine Familie und Freunde. Zweitens möchte ich noch viele Kulturen und Landschaften kennenlernen. Drittens: Mehr Rücksicht und Verständnis in der Gesellschaft, nicht immer für sich, sondern auch für das weitere Umfeld denken. Ich habe das Gefühl, dass dies immer mehr abnimmt und viele nur noch für sich selbst denken und leben.
Hand aufs Herz: Freuen Sie sich, im Sommer 2024 wieder ins Glied zurückzutreten und gewöhnliches Mitglied des Kantonsrates zu sein?
Das Amt macht mir nach wie vor viel Freude. Es ist auf jeden Fall sehr zeitintensiv und verlangt mir viele Ressourcen ab. So brauche ich zum Beispiel viel Zeit, um Reden zu schreiben und einzuüben. Ich freue mich, wieder inhaltlich politische Aussagen zu treffen, da ich mich diesbezüglich während meinem Präsidialjahr sehr zurückgenommen habe. Gerade während den Sessionen würde ich manchmal gerne ein Votum halten, um weitere Argumente einzubringen oder auch allfällige Falschaussagen zu korrigieren.
Ihre Kollegin Jo Vergeat, die ein Jahr vor Ihnen im gleichen Alter in Basel-Stadt auch für die Grünen die gleiche Funktion bekleidete, hat bei Ihrer Wahlfeier in Rain eine bemerkenswerte, launige Rede gehalten und gesagt, dass sie sich manchmal auf dem WC eingeschlossen habe, wenn ein Event völlig an ihr vorbeilief oder sie nicht verstand, worum es gerade geht. Haben Sie schon ähnliche Erfahrungen gemacht?
Ich kann gut nachvollziehen, was Jo hier gemeint hat und war sehr froh, dass sie dies auch so offen erzählte. Für mich braucht es nach wie vor viel Mut, alleine an Apéros oder Anlässe zu gehen, mit denen ich mich inhaltlich überhaupt nicht identifiziere und als «normale» Kantonsrätin auch nie eingeladen worden wäre. Zudem versuche ich, möglichst keine strittigen Diskussionen einzugehen, da dies nicht die Aufgabe meines Amtes ist. Zwar habe ich mich noch nie in eine Toilette einschliessen müssen, aber öfters tief einatmen und mir selbst gut zureden. Schön ist, dass ich durch das Amt immer mehr Leute kennenlerne und so auch immer seltener an einem Anlass bin, an dem ich niemanden kenne.
Die Grünen sind in der letzten Zeit in eine Krise geraten und gelten als Verlierer des Wahljahres 2023. Welches ist Ihre Analyse dazu und wie gehen Sie damit um?
Wie bereits gesagt, möchte ich mich während diesem Jahr weniger parteipolitisch äussern. Doch grundsätzlich sind Wahlen meiner Meinung nach ein Abbild des Weltgeschehens. Das ist das Schicksal jeder Partei. Je nachdem, was der Bevölkerung wichtig ist und im medialen Fokus liegt, steht eine Partei als Verliererin oder als Gewinnerin da. Die Grünen sind nach wie vor so stark wie kaum zuvor, sodass ich mir hier keine grossen Sorgen mache.
Welches sind Ihre Lieblingspolitiker:innen ausserhalb Ihrer Partei, und weshalb?
Eine Lieblingspolitikerin habe ich nicht. Aber es gibt auf jeden Fall Politikerinnen und Politiker, welche mich beeindrucken. Ausserhalb meiner Partei schätze ich zum Beispiel Karin Stadelmann von der Mitte sehr. Ihre Art Politik zu machen, ihr Auftreten und auch ihr Mut, manchmal hinzustehen und für das Anliegen zu kämpfen, selbst wenn es in der eigenen Partei nicht allen passt, gefällt mir gut.
Ihr Vater ist der weitherum bekannte Staatsarchivar Jürg Schmutz, ein bekennender Liberaler, Sie sind überzeugte Grüne. Wie gehen Sie familienintern mit diesem Zwist um?
Bei uns gibt es keinen Zwist. Wir schätzen die unterschiedlichen Meinungen und können alle davon profitieren. Ich bin überzeugt, dass ich als Politikerin an unterschiedlichen Meinungen wachsen kann und habe früh gelernt, dass es keine «richtige» Meinung gibt und dass politische Ansichten stark von persönlichen Erfahrungen abhängen. Durch die unterschiedlichen Meinungen in der Familie bin ich pragmatischer und offener geworden. Dies ist mir schon oft zugutegekommen.
Sie haben als 16-jährige Kantischülerin ein Austauschjahr in Süddakota, USA, gemacht. Was haben Sie da gelernt, was haben Sie von Süddakota mitgebracht?
Die Meinungen zu den USA sind in der Schweiz ziemlich gespalten, habe ich das Gefühl. Die einen finden die USA toll, die anderen überhaupt nicht. Durch mein Austauschjahr habe ich eine ganz neue Welt für mich kennengelernt. Ich bin aber auch offener geworden und habe erkannt, dass es, je nachdem wo man lebt, unterschiedliche Bedürfnisse und Lösungen gibt. Der Stadt-Land-Graben ist in den USA beispielsweise viel grösser als in der Schweiz. So habe ich von meinem Austauschjahr mitgenommen, dass unterschiedliche Bedürfnisse zu verstehen und anzuerkennen sind. Sturheit bringt keine politischen Lösungen.
Was möchten Sie unserer Leserschaft gerne noch mit auf den Weg geben?
Seien Sie politisch aktiv, nutzen Sie Ihre Stimme und tun Sie Ihre Meinung kund. Dies ist ein Privileg, welches es zu nutzen gilt! Politik geht uns alle etwas an, auch Alltag ist Politik. Nicht mitwirken und dann nicht mit der Politik zufrieden sein, ist leicht, aber keine Lösung. Bilden Sie sich Ihre Meinung selbständig und bleiben Sie dabei immer kritisch.
Persönlich: Das ist Judith Schmutz
Lieblingsfarbe: Ich bin kein Farbenmensch, aber ich mag Bordeauxrot und Olivgrün (falls diese als Farben gelten).
Aufgewachsen in: Müllheim, Thurgau
Weitere Stationen: Rain, Belle Fourche, Süddakota (USA), Fribourg (für mein Bachelor-Studium), Stadt Luzern
Gelernter Beruf: Juristin
Schulerinnerung: Ich kann mich noch gut an die Kanti-Zeiten in Beromünster erinnern, als wir in 5 Minuten von der Kanti auf den Bus im Flecken gesprungen sind, um nicht auf den nächsten Bus warten zu müssen. Mindestens einmal pro Woche war rennen angesagt.
Stationen der politischen Karriere: Co-Präsidentin Junge Grüne Schweiz (2016 bis 2018), Kantonsrätin (seit 2019), Kantonsratspräsidentin (2023/2024)
Lieblingsessen: Älplermagronen, Fondue, Raclette (alles mit viel Käse ist top)
Freizeit: wandern, biken, aperölen
Mag ich sehr: Positive und mit sich selbst zufriedene Menschen. Das Gefühl, wenn man den Berggipfel erreicht. Wenn alle To-dos erledigt sind.
Mag ich gar nicht: Unpünktlichkeit. Kälte. Die Farbe Pink.
Interview und Bilder: Karl Heinz Odermatt