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Die Grafen von Lenzburg – Gründer des Stifts

Um den Ursprung des Stifts Beromünster rankt sich eine Legende, die mit der Familie der Grafen von Lenzburg verwoben ist. Einiges ist ungewiss, vieles aber mit Dokumenten überliefert und es ist interessant, welche teilweise allgemein sehr bekannten geschichtlichen Ereignisse und Personen darin auftauchen – wie auch unbekanntere.

Schloss Lenzburg, Stammsitz von Graf Ulrich IV. von Lenzburg, der sich aber zeitlebens im Gefolge von Kaiser Freidrich I. «Barbarossa» bewegte.

Nach der Berolegende, die bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht, soll bekanntlich an der Stelle des heutigen Hochaltars der Stiftskirche Graf Bero von Lenzburg einen seiner Söhne durch einen Jagdunfall verloren haben. Um die Jahre 940/50 soll er dann die Kirche als Grabesheiligtum der Aargauer Grafen gegründet und dem Stift seinen Namen gegeben haben.

Das Stift unter kaiserlichem Schutz

soweit die Legende. Historisch gesichert ist, dass Graf Ulrich II. von Lenzburg – auch genannt «der Reiche» – eine Basilika bauen liess, die zwei Jahre später erstmals in einer Schenkungsurkunde Erwähnung findet. Nach dieser ältesten Urkunde vom 9. November 1036 hat er die Stiftung zum zweiten Mal reich dotiert. Sie umfasste nebst dem Michelsamt Besitzungen in den Urkantonen und bis in das Sund- und Breisgau. Des Weiteren ordnete Ulrich II. die rechtlichen Verhältnisse des Stifts und sorgte dafür, dass die Eigenkirche unter kaiserlichen Schutz gestellt wurde. Mit dem Schirmbrief von 1045 erhob König Heinrich III. – Kaiser wurde er erst ein Jahr später – Beromünster zum Reichsstift. Weitere Schirmbriefe datieren aus dem Jahr 1173 von Kaiser Friedrich Barbarossa sowie 1217 von dessen Enkel König Friedrich II. (Kaiser ab 1220).

Solche Schirmbriefe wurden üblicherweise an bedeutende oder strategisch wichtige Klöster vergeben, insbesondere an solche, die grosse Ländereien besassen oder von besonderer religiöser, wirtschaftlicher oder politischer Bedeutung waren. Ein Umstand, der die Bedeutung Beromünsters im Hochmittelalter unterstreicht.

Graf Ulrich II. von Lenzburg

Wer aber waren eigentlich die Gründer des Stifts, diese Grafen von Lenzburg, die offenbar in kaiserlicher Gunst standen? Vor allem zwei Lenzburger Grafen erlangten geschichtliche Bedeutung. Der bereits erwähnte Graf Ulrich II. tritt als treuer Anhänger von Kaiser Heinrich III. in Erscheinung. Der Graf von Lenzburg blieb auch dessen Sohn, Heinrich IV. (König ab 1053, Kaiser ab 1084) treu. Dabei ist insbesondere ein Ereignis erwähnenswert, das einer längeren Einleitung bedarf.

In Zwist mit Adel und Papst

Heinrich IV. war der erste König des römisch-deutschen Mittelalters, der als Minderjähriger auf den Thron kam. Die Zeit der Unmündigkeit Heinrichs, als seine Mutter die Regierungsgeschäfte führte, nutzten die rivalisierenden Fürsten, um ihre eigenen Herrschaftsbereiche auszubauen. Die Unzufriedenheit der Grossen hielt auch an, nachdem der volljährige Heinrich die Herrschaft übernommen hatte. So wurden auf Fürstentagen im damals erst hundert Jahre alten «Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation» erstmals Gegenkönige gewählt. Heinrich IV. musste sich aber nicht nur gegen seinen Adel behaupten, sondern befand sich auch in Fehde mit Papst Gregor VII. Von diesem wurde er sogar exkommuniziert, weil er in mehreren italienischen Erzbistümern neue Bischöfe einsetzte, dabei aber den Willen des Papstes missachtet hatte. Durch die Exkommunikation wendeten sich weitere Adelige ab, die bisher noch zu Heinrich gehalten hatten.

Gang nach Canossa

Um der Absetzung zu entgehen, drängte sich ein Bussgang auf. Heinrichs heute noch sprichwörtlicher «Gang nach Canossa» vom Dezember 1076 bis Januar 1077 erfolgte zu eben dieser Burg Canossa in Italien. Der Papst hatte den Bussgang erst als Feldzug interpretiert und war von Rom dorthin geflohen. Gregor liess Heinrich nun drei Tage lang vor der Burg um Vergebung flehen, bis er ihn einliess. Er forderte von Heinrich in Zukunft die ihm gebührende Ehre.

Das Verhältnis der beiden blieb aber weiterhin kühl. Die Unzufriedenheit seiner Fürsten hielt an und in Forchheim bei Nürnberg wurde schliesslich noch im selben Jahr Rudolf von Rheinfelden als Gegenkönig gewählt.

Päpstliche Gesandte Eingekerkert

Hier tritt nun Graf Ulrich II. als besonders ergebener Anhänger Heinrichs IV in Erscheinung. Im April 1077 fing er die päpstlichen Legaten, den Abt Bernhard von Marseille sowie dessen Begleiter auf dem Rückweg von Nürnberg nach Rom ab. Der Abt hatte dort die Wahl des Gegenkönigs im Auftrag des Papstes betrieben.

Ulrich von Lenzburg kerkerte die beiden auf seiner Burg ein und hielt sie fast ein halbes Jahr lang gefangen. Nur auf Drängen von Hugo von Cluny und Wilhelm von Hirschau, zwei weiteren grossen Äbten dieser Zeit, gab er sie schliesslich frei.

Als Dank für diese Ergebenheit wurde der Graf von Lenzburg von König Heinrich auf dem Fürstentag in Ulm, mit dem Lehen des Zürichgaus reich belohnt. Dieses Lehen stammte vermutlich aus dem eingezogenen Besitz des eifrig päpstlich gesinnten Grafen Burkhard von Nellenburg, dem die landgräfliche Gewalt des Zürichgaus entzogen wurde. Die Stammburg Nellenburgs lag im heutigen deutschen Landkreis Konstanz.

Die Familie Lenzburg besass nun also das Zürchgau neben den angestammten Ländereien im Aargau, der Innerschweiz, Glarus, Tessin und entlang des Rheins. Nach alten Aufzeichnungen des unter Lenzburgischer Schirmvogtei stehenden Klosters Schänis wohnte Graf Ulrich von Lenzburg auf der Feste Baden an der Limmat und starb dort 1081.

Die Burg Stein in Baden, wo Ulrich II. von Lenzburg 1081 starb. Heute steht nur noch die Ruine dieser Burg.


Papst und Gegenpapst – König und Gegenkönig

Ulrich II. von Lenzburg erlebte also die Synode im Jahr 1080 in Brixen noch. Diese trat aus Protest gegen die erneute Bannung Heinrichs IV. zusammen und wählte Erzbischof Wilbert von Ravenna unter dem Namen Clemens III. zum Gegenpapst. Heinrich besiegte darauf erst den von Gregor unterstützten Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden und zog dann nach Italien. Nach langer Belagerung erhielt er Einlass in Rom. Im Frühjahr 1084 folgte die Absetzung Gregors und am 24. März die Inthronisierung des königstreuen Clemens III. Nur eine Woche später wurde Heinrich IV. endlich zum Kaiser gekrönt.

Soweit die «weltgeschichtlichen» Begebenheiten, die sich ereigneten, nachdem Heinrich III. im Jahr 1045 den ersten Schirmbrief für die Stiftskirche Beromünster ausgestellt hatte.

Graf Ulrich IV. von Lenzburg

Nicht minder interessant ist, was man über Ulrich IV. von Lenzburg weiss, den Enkel von Ulrich II. Dieser lebte rund hundert Jahre später. Schon als junger Mann hielt er sich am Hof und im Heer von Kaiser Lothar auf. Dort entwickelte sich zwischen ihm und dem jungen Herzog Friedrich von Schwaben eine Freundschaft, obwohl Ulrich ein paar Jahre älter war. Die beiden verband einschneidende Erlebnisse. So gehörten sie zu den wenigen Überlebenden des 20 000-köpfigen Heeres von

Lothars Nachfolger König Konrad III., das sich 1147 zum zweiten Kreuzzug aufmachte. Dieser wurde zum Desaster. Das Heer wurde auf dem Weg nach Jerusalem bereits in Antatolien in der Schlacht von Doryläum (1147) von den Seldschuken vernichtend geschlagen. Der Graf von Lenzburg stand treu zu König Konrad und erhielt so die Grafschaften über die Täler Blenio und Leventina.

Der Besitz der Grafen von Lenzbrug im 11. und 12. Jahrhundert umfasst grosse Teile der heutigen Schweiz.


Friedrich wird König

1152 starb Konrad in Bamberg. Sein Neffe wurde als Friedrich I. zum König gekrönt und ging als «Barbarossa» in die Geschichte ein. Der Graf von Lenzburg gehörte von Anfang an zu dessen vertrautesten Beratern. In einem Vertrag, den Friedrich bereits 1152 mit Herzog Bertold IV. von Zähringen schloss, wird Graf Ulrich als einer der Bürgen des neuen Königs erwähnt. Im Vertrag legte Friedrich mit dem Herzog die Ordnung der Verhältnisse im Königreich Burgund fest. Der König verpflichtete sich, mit dem Herzog ins Burgund und in die Provence zu ziehen, um mit ihm gemeinsam die Länder zu unterwerfen. Der Herzog sollte dort in Abwesenheit des Königs die Reichsgewalt ausüben. Auch mit den diplomatischen Missionen zur Vorbereitung des Vertrags von Konstanz wurde der Graf von Lenzburg beauftragt. In diesem Vertrag vom 23. März 1153 werden die Bedingungen für eine Kaiserkrönung festgelegt, die Friedrich mit Papst Eugen III. vereinbarte. Ulrich wird darin als Friedrichs erster Bevollmächtigter genannt. Bald nach Unterzeichnung dieses Vertrags starb Papst Eugen und Barbarossa wurde von dessen Nachfolger Hadrian IV. am 18. Juni 1155 zum Kaiser gekrönt. Dies geschah am Ende des ersten Italienfeldzugs. Friedrich hatte dabei mehrere aufmüpfige oberitalienische Städte zerstört und auch den Zugang zur Stadt Rom für seine Krönung musste er sich mit einer List und militärischer Absicherung erkämpfen. Nach Hadrians Tod 1159 wurde Rolando Bandinelli zum Papst Alexander III. gewählt. Mit diesem hatte sich Friedrich bereits bei den Verhandlungen über die Kaiserkrönung überworfen. Friedrich war von der Gleichrangigkeit von Kaiser und Papst überzeugt. Kardinal Bandinelli bzw. jetzt Alexander III. sah die Papstwürde eine Stufe höher. Diese Differenz beeinflusste ganz Europa. An der Papstwahl Alexanders erhielt auch der von einer Minderheit unterstützte Viktor IV. Stimmen. Mit Barbarossas Unterstützung wurde er zum Gegenpapst. Die rund zwanzig Jahre dauernde Spaltung der Kirche ist in den Geschichtsbüchern als sogenanntes «Alexandrinisches Schisma» bekannt.

In dieser Zeit sandte Friedrich Graf Ulrich von Lenzburg mit seinem Kanzler Reinald von Dassel zu König Ludwig VII. von Frankreich. Dort sollten die beiden Ludwig davon überzeugen, den Gegenpapst anzuerkennen. Der äusserst fromme Ludwig VII., der sich gerne wie ein Mönch kleidete, blieb jedoch auf der Seite Papst Alexanders und auch Heinrich II., König von England, liess sich erst Jahre später für den Gegenpapst gewinnen.

Jahrelange Fehde

Durch diese Auseinandersetzung blieb die Fehde Barbarossas mit den vorwiegend papsttreuen und selbstbewussten Städten Oberitaliens. bestehen. Eine wichtige Rolle spielte dabei Barbarossas machtbewusster Kanzler Rainald von Dassel, Erzbischof von Köln. Er stand Friedrich auch aus Eigennutz treu zur Seite und nahm bald als engster Berater massgeblich Einfluss auf die kaiserliche Politik. So verhalf Dassel seiner Stadt Köln zu grosser Bedeutung, indem er die Gebeine der Heiligen Drei Könige von Mailand nach Köln überführte, was dort zu einem beträchtlichem Strom von Pilgern führte. Der Kölner Dom wurde in erster Linie deshalb zu einer riesigen gotischen Kathedrale ausgebaut, um dem Reliquienschatz einen angemessenen Ort zu schaffen. Die triumphale Überführung geschah, nachdem Mailand 1162 im zweiten Italienfeldzug unterworfen und niedergebrannt worden war.

Der dritte Italienfeldzug 1163/64 blieb ohne Kampf, da es Barbarossa gegen den Städtebund Verona, Padua, Vicenza und Venedig an Unterstützung mangelte.

Im vierten Italienfeldzug von 1166 bis 1168 besetzte Barbarossa St. Peter in Rom. Und ernannte am 30. Juli 1167 offiziell Paschalis III. zum Papst. Zwei Tage später wurde seine Ehefrau, Königin Beatrix von Burgund, von Paschalis zur Kaiserin gekrönt.

Graf Ulrich von Lenzburg war überall und auch hier mit dabei. Er gehörte zu den wenigen Adeligen, die ein Fieber überlebten, das sich im Heer vor der Stadt Rom am Tag nach der Krönung ausbreitete. Nach einem Unwetter stiegen Scharen von Insekten aus der Erde und verbreiteten eine tödliche Pest. Was zweitausend Rittern und zahlreichen ranghohen Fürsten das Leben kostete (unter ihnen Rainald von Dassel).

Mailand und weitere benachbarte Städte sahen das als Zeichen des Himmels und blieben aufständisch. So gründeten sie später etwa die Stadt Alessandria. Sie trägt den Namen von Papst Alexander im Sinne einer Provokation Kaiser Friedrichs. Was 1174 zum fünften Italienfeldzug führte.

Allerdings nun ohne Ulrich von Lenzburg. Er war dem Kaiser zeitlebens in Deutschland, im Burgund und in Italien zur Seite gestanden und hatte im Frieden und im Krieg zum Kreis seiner engsten Begleiter gehört. Als Ulrich IV. am 5. Januar 1173 kinderlos verstarb, erlosch das Haus von Lenzburg und Kaiser Barbarossa wurde dessen einziger Erbe.

Erbschaftsregelung

Am 20. Februar 1173 erschien Friedrich persönlich auf Schloss Lenzburg, um über die Erbschaft des «neulichst verstorbenen» Grafen zu bestimmen. Er verwendete diese zum einen Teil zur Ausstattung seines vierten Sohnes Otto, eines damals fünfjährigen Knaben – später Pfalzgraf von Burgund – zum anderen Teil an Graf Albrecht III. von Habsburg. Auf Otto ging die Lenzburg selbst nebst Zubehör und der Titel eines Grafen von Lenzburg über, ebenso die Schirmvogtei über Kloster Engelberg, die Vogtei Glarus sowie die Schirmvogtei vom Stift Beromünster und vom Kloster Schänis.

Nach Ottos Tod am 13. Januar 1200 teilten sich das Haus der Staufer und Ottos einzige Tochter und Erbin

Beatrix die Lenzburgische Hinterlassenschaft – Betarix war Gemahlin des Herzogs Otto I. von Meran – .

Kyburg erhält die Vogtei

Urkunden vom Jahr 1201 und 1203, betreffend Lenzburg und Beromünster, nennen keine Besitzer der Feste oder der Vogtei, nur die «Herrschaft Lenzburg» und Ministerialen (Gutsverwalter). 1223 ging die Vogtei von Beromünster urkundlich an das Haus von Kyburg über. Dies nach einer Fehde des Stifts mit Graf Rudolf von Habsburg, der die Stiftskirche in Brand setzte. Ab 1230 besass Kyburg auch die Vogtei von Schänis und ab Mai 1253 auch die Feste Lenzburg. 1217 und 1250 missbrauchten die Kyburger ihre Vogteigewalt und brandschatzten das Stift. Interessant sind dabei zwei Dinge: König Friedrich II. stellte den dritten Schirmbrief der Stiftskirche im Jahre 1217 aus, im Jahr der ersten Brandschatzung der Kyburger. Die zweite Brandschatzung durch die Kyburger erfolgte im Jahr 1250, im Jahr, in dem Friedrich II. starb.

Danach folgte eine 62 Jahre dauernde kaiserlose Zeit. Das Stift verlor die Reichsunmittelbarkeit immer mehr und wurde zur Versorgungsstätte für den österreichischen Dienstadel.

Beromünster und das Stift auf einer Druckgrafik von 1790: Die Grafen von Lenzburg gründeten das Stift, als das Geschlecht 1173 erlosch, wurde Kaiser Friedrich I. «Barbarossa» dessen Erbe.

Martin Sommerhalder




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