Dauerbrenner Ölibrönner
«Gosch a Ölibrönner?», heisst es hier an Fasnachtstagen. Man geht nicht ans Fest oder an den Ball, man geht an den Ölibrönner. Ölibrönner – seit vierzig Jahren ein Name, ein Anlass, ein Zustand... ein Dauerbrenner.
Freitagabend, 21 Uhr. In närrische Kluft gestürzt, gehts auf dem Lindenareal den Absperrgittern lang zum Eingangsposten. Uff, Passkontrolle geschafft. Früher wars noch anders. Da stand die Aufsicht erst unter der Hallentür, wenn überhaupt. Früher ist schon lange her. Nur zu jung zu sein, wäre heute ein Problem. Zu alt sein kann man an einem Ölibrönner nicht, hier hats Platz für alle Ligen. 1450 Eintritte werden gezählt. Festhalle, Kaffeestube, Partyzelt und Technobunker – alles ist da zum Abfeiern, und jede Bude ist pumpevoll. Wummernde Bässe und Schlagergesang, Gejohle und Trompetenklang, Bräute, Römer, Zombies, Enten, Mäuse, Engel, Gespenster – man weiss nicht, ist man da im Himmel oder in der Hölle? Oben in der Kaffeestube findet man festen Halt am ersten Kafi Träsch und macht sich einen Überblick. Die Halle ist mit hängender Wäsche bestückt. Spätestens jetzt wird klar, wer hinter all den Wäscheleinen hing, die kürzlich den Flecken Beromünster mit frechen Sprüchen zum Narren hielten: die Ölibrönner! An der Decke hängen alle ihre Kostüme der letzten vierzig Jahre, fragt sich nur, ob sie überhaupt jemand sieht, denn alle sind am Feiern. Am Tanzen, Lachen, Polonaise machen, eine homogene Masse aus bunten Individuen im Schaukelmodus. «Heyaaa...» singt die Unterhaltungsmusik, die Leute grölen in Chören, «...ich hab dich tanzen gesehn...» Ein Hotpot aus geballter Energie.
88 auf einem Haufen
Die Ölibrönner selbst sind in Jeans und T-Shirt unterwegs, fokussiert und tatkräftig im Einsatz: Service, Organisation, Nachschub. Und jene, die nicht schuften, sind in der Masse erkennbar an ihrer karierten Wäsche, «Wöschwiiber» ist das diesjährige Motto. 88 Ölibrönner sind es insgesamt, 54 Aktive und 34 Ehemalige, die im Jubiläumsjahr mitmachen, auf einem Haufen. Um Mitternacht werden sie alle auf der Bühne durchstarten. Erst geben aber noch die Bogeteguugger einen Gastauftritt. Rockige Stücke und erdende Rhythmen, das vordere Drittel der Halle tanzt und johlt, hinten steht man auf den Bänken.
Von Null auf Hundert
Einer in karierter Schürze, nicht mehr der Jüngste, überblickt von der Galerie aus das Geschehen. Muss ein Ehemaliger sein. «1983 war ich Gründungsmitglied», lacht er. Innert Kürze hätten sie damals alles aufgetrieben und organisiert. Und wie war das? «Affegeil!», sagt er. «Alles war neu! Es herrschte ‹ei huere Euphorie›! Wir hatten ein sehr einfaches Kleid, die Frauen strickten dazu Stulpen. Also, die meisten hatten ja noch keine Frauen. Es waren also ihre Mütter!» Blutjunge 23 sei er damals gewesen und 16 Jahre lang ein Ölibrönner. «Und am Sternmarsch in Möischter gaben wir Vollgas! Es war ein Start von Null auf Hundert!» Noch am gleichen Tag habe sich ein Fanclub gebildet, mit Fahnen und rot-gelben Kappen seien die gekommen, die «Schätzelis» und alle anderen... Herrlich wars. Das denkt sich wohl nicht nur der Boog Alois, dessen Augen mit Fältchen unter der roten Zipfelmütze schalkhaft blitzen.
Alles am Abtanzen
Nebenan im Partyzelt geht die Post ab. Bässe brummen, Lichter blitzen und die Leute singen endlos und volles Rohr «Johny-Depp-Depp, Johny-Johnny-Depp-Depp...» Man bahnt sich im Zelt einen Weg durch eine hüpfende Plüsch-Neon-Schaumstoff-Masse und merkt schnell: rein geht irgendwie einfacher als raus. Perücken, Hüte, Kostüme, alles fröhlich am Abtanzen im Rauschen des steigenden Pegels. Nebenan, in der Technobude, vibrieren die Frequenzen im Dauertakt noch tiefer, der Schein ist noch nebliger und eine junge Frau ruft mir zu: «Musst dich einfach gehen lassen!» Jaja, weiss schon, aber bin halt am Arbeiten.
«Oh-oh-ou...»
Hinter der Bühne steigen die Vorbereitungen für die Mitternachts-Show. Seit vier Jahrzehnten legendär, will sie niemand verpassen. Die Halle füllt sich zunehmend und droht beinah zu bersten. Auf einmal schwebt ein Engel von oben an einem Seil über die Leute und spielt auf der Bassgitarre «Thunderstruck». Auf und vor der Bühne setzen 88 Ölibrönner an zum Spiel. Was für eine Feier! Zu «Umbrella» gibts sogar eine Tanzvorführung mit Schirmen. Eine Ölibrönner-Show, wie man sie seit Jahren kennt und liebt. Nur das seit 1983 unübertroffene, Glenn-Miller-mässige «Babada, babada, baaba... Ölibrönner Gonzbu, oh-oh-ou!» fehlte. Aber macht nichts. Das vergisst sowieso niemand.
Morgens um zwei
Nach der Show verteilen sich die Geister wieder auf dem wuseligen Festgelände. In der Halle wird weitergetanzt fast wie in einem Country-Schuppen. Draussen siehts eher aus wie auf der Partymeile: Knappe Kostüme, milde Temperaturen, reden, blödeln, trinken, chillen. Derweil unauffällig die Samariter kursieren für den Fall, dass es jemandem nicht mehr gut geht. Morgens um zwei ist die Sause noch voll im Gange. Mal schauen was die Kaffeestube macht. Schon wieder bleibt man hängen, mit neuen oder alten Kollegen. Egal wo, da ist immer irgendjemand, den du kennst, mit Hut und Kappe, verwischter Schminke und Perücke. Und Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte später wird man zu sich sagen: «Weisch no det am Ölibrönner?»
Text und Bilder: Ursula Koch-Egli
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Bilder: uke