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«Das Buch ist wie ein Spaziergang durch 12 Jahre Rickenbach»

Mit der monatlichen Kolumne «rickenbach backstage» von Ursula Koch-Egli haben die Rickenbacherinnen und Rickenbacher seit vielen Jahren eine «Bühne» in der Zeitung. Nun veröffentlicht die Autorin ihre süffigen Text-Bild-Beiträge zusammengefasst in einem Buch.

Sie hat 12 Jahre lang Geschichten aufgespürt im Dorf und zu Kolumnen verfasst: Ursula Koch-Egli

Die Geschichten liegen auf der Strasse, heisst es im Journalismus. Doch die Storys überhaupt zu sehen, sie aufzulesen und in der Zeitung anschaulich zu erzählen, ist eine hohe Kunst. Eine Kunst, die kaum jemand so meisterlich beherrscht wie Ursula Koch-Egli in ihrer monatlichen Kolumne «rickenbach backstage». Mit feinfühliger Feder erzählt sie aus dem Alltag des Dorfes, von zufälligen Begegnungen, von Frauen beim Schwatz und Männern am Stammtisch, von Kindern auf dem Schulweg und Senioren auf dem Bänklein. Und obwohl die Geschichten alltäglich sind, kommt man nicht umhin, sie zu lesen. Oder vielleicht gerade deshalb, weil sie aus dem Alltag eines jeden entspringen könnten. Nun hat die Schreiberin, mittlerweile durch ihr Zeitungskürzel landläufig als uke bekannt, ihre Kolumnen gesammelt, ergänzt und auf 200 Seiten in handliche, fadengebundene Broschur gefasst. An der Gwärb24 stellt sie das Werk vor. Im Interview erzählt sie, wie sie die Geschichten entdeckt hat, welche Kolumne sie gerne noch geschrieben hätte und was der «backstage-Moment» ist.

Ursula Koch-Egli, Du gehst mit offenen Augen durch die Welt und siehst Geschichten, die erzählt werden wollen. Woher kommt das?

Ursula Koch-Egli: Das ist tatsächlich so. Das kommt auch von meiner ersten Ausbildung an der Schule für Gestaltung. Da wurden wir ausgebildet, auf Dinge zu schauen, die nicht Mainstream sind, die nicht der Norm entsprechen. Es ist aber auch etwas, was schon immer zu mir gehörte. Schon als Kind.

Kann man diese Brille auch ablegen?

Manchmal muss ich mich schon zwingen, sie abzulegen. Dann sage ich mir: Nein, jetzt will ich nichts sehen, da kommt zu viel Arbeit auf mich zu. Dann muss ich auf tolle Geschichten verzichten, weil ich andere Verpflichtungen habe. Zum Beispiel die Geschichte mit dem Polizisten und dem Radar, die ich schon ewig im Kopf habe. Eine wunderbare Geschichte, aber jedesmal bin ich in der Eile vorbeigefahren, statt anzuhalten. Ich wäre dann zum Polizisten hingegangen und hätte gesagt: Hallo Herr Polizist, wie geht es Ihnen? Wie läuft das Geschäft? So fängt es meistens an.

Und dann? Machen die Leute von Rickenbach mit?

In den meisten Fällen, ja. Mit der Zeit kannte man mich hier, meine Prise Humor und die feine Ironie. Nur selten hatte ich das Gefühl, dass sich Leute abwenden wollten, wenn sie mich sahen mit der Kamera in der Hand.

«Hallo Herr Polizist, wie geht es Ihnen? Wie läuft das Geschäft?»

Was ist das «rickenbach backstage»? Wie würdest du es jemandem erklären, der deine Kolumne nicht kennt?

Das Wort «backstage» bedeutet «hinter der Bühne». Damit meine ich das Gewöhnliche, das, was nicht im Rampenlicht steht. Als ich 2011 mit der Lokalkorrespondenz begann, wollte ich etwas machen über die Leute, die sonst nie in der Zeitung sind.

Hast du ein Lieblings-«backstage»?

Nein, alle habe ich gerne. Etwas Besonderes war aber sicher die Geschichte vom Abbruch des Gasthaus Rössli. Als alles dem Erdboden gleichgemacht war, bat ich die ehemaligen Wirtsleute und Stammgäste, für ein Foto den Stammtisch noch einmal an seinem Ort aufzustellen. Die haben das gemacht! Auf der Schutthalde noch einmal mit einem Bier angestossen, wie sie das immer taten. Das war toll.

Also ein typischer «backstage-Moment»?

Ja. Ich habe innerlich eine ausgefallene Szene vor mir, und die Leute machen mit. Wie die Bauarbeiter auf dem Hausdach, die den Kirchturm geraderücken. Das sieht man auf einem anderen Bild.

Es war aber eher die Ausnahme, dass ich etwas inszenierte. Meistens habe ich nur beobachtet, jemanden angetroffen und ein Gespräch begonnen. Daraus entstand dann die Kolumne. Der typische Einstieg war: «Darf ich ein Bild von dir machen?» Und die Antwort meistens: «Aber das ist ja gar nichts Besonderes.» «Eben, genau deswegen», versuchte ich die Leute zu überzeugen. Ja, genau darum ging es in meinem «backstage».

Also ist die Kolumne auch eine Hommage an die Rickenbacherinnen und Rickenbacher?

Ja, das kann man schon sagen. Eine Hommage an einen «kleinen Fleck in der Welt», ein Dorf und seine Leute. Es war ein anderes Schaffen, wie es sonst bei den Medien funktioniert. Umgekehrt. Eine Art «Hintenrum-Denken».

Mit über zwölf Jahren sind die Beiträge aber auch ein Zeitzeugnis geworden.

Sehr. Es war mir anfänglich nicht bewusst, aber alles zusammen ist zu einem eindrücklichen Rückblick auf die Jahre 2011 bis 2023 geworden. Eine Zeit, in der in Rickenbach unglaublich viel passiert ist. Der ganze Dorfkern wurde praktisch ausgewechselt. Auf all das kann man nun zurückblicken durch die alltäglichen Szenen, wie ich sie über zwölf Jahre hinweg eingefangen habe.

«Alles war dann Zufall. Auch ein Hydrant konnte es sein oder ein Schafbock.»  

Wie hat sich Rickenbach in der Zeit verändert? Kannst du das festmachen?

Ich würde sagen, an sich hat sich Rickenbach nicht verändert. Es sind immer noch die gleichen Themen. Einkaufen, Schule, Kirche, Gemeindehaus, Wirtshäuser, Gewerbe, Sport, Vereine. Leute gehen morgens zur Arbeit und abends nach Hause. Aber das Umfeld, die «Bühne», hat sich sehr verändert in dieser Zeit.

Als einstiger Chefredaktor beim Anzeiger Michelsamt erinnere mich an Wochen, da war bei Redaktionsschluss noch kein «backstage» da. Du hast dann die Kamera gepackt und spontan eine Kolumne geliefert. Wie schwierig war es, über die Jahre die Kontinuität zu halten?

Ja, das stimmt! (lacht) Oft merkte ich: «Ui, schon Mittwoch. Ich sollte noch dringend ein backstage schreiben.» Ich ging raus, und da war immer jemand. Jemand mit Hund, jemand beim Einkaufen oder auf einem Bänklein. Alles war dann Zufall. Auch ein Hydrant konnte es sein oder ein Schafbock. Kontinuierlich dabei zu bleiben, war die grösste Herausforderung.

Ein Montag im Mai, 11.55 Uhr. uke beim Dorfbrunnen in Rickenbach. 

Von der Kolumne zum Buch: wieviel Arbeit steckt hinter allem?

Schwer zu sagen. Für einen Beitrag brauchte ich etwas zwischen zehn Minuten und zehn Stunden. Wenn man so arbeitet, ist die Zeit kein Faktor. Dazu bin ich manchmal fast tagelang am Rande der Baustellen herumgestolpert, um entscheidende Momente festzuhalten. Das Buch ist jedoch eine andere Geschichte. Daran bin ich seit gut einem Jahr.

Welcher Beitrag fehlt darin noch? Was wurde nie geschrieben?

Oh, viele. Ich hätte gerne jemanden porträtiert vom «Pink Point». Schade, ist mir das nie gelungen. Darum ging es mir ja. Menschen und Orte, die zum Dorf gehören und über die man nicht berichtet. Oder «s‘Karlini», die Frau in ihrem blühenden Garten hinter der alten Metzgerei. Und der Dorfbrunnen. Ihm hätte ich auch gern ein Porträt gewidmet. Er steht im Mittelpunkt, plätschert seit Jahrhunderten vor sich hin und schenkt das, was dem Dorf seinen Namen gab. Er müsste etwas zu sagen haben.

An wen richtet sich das Buch?

Es richtet sich an alle, die gerne Menschen haben. Ein Bezug zu Rickenbach ist nicht zwingend, aber es ist schon sehr lokal auf das Dorf bezogen. Die Szenen darin könnten jedoch überall stattfinden.

«Um in einer Handvoll, bequem im Stubensessel sitzend, durch zwölf Jahre Rickenbach spazieren zu können. Dem Dorf und seinen Menschen zu begegnen und Orten, die längst verschwunden sind.»

Wer seit 2011 den Michelsämter gelesen hat, der kennt ja das Buch schon. Warum sollte er oder sie das Buch noch kaufen?

Um in einer Handvoll, bequem im Stubensessel sitzend, durch zwölf Jahre Rickenbach spazieren zu können. Dem Dorf und seinen Menschen zu begegnen und Orten, die längst verschwunden sind. Ich habe viele Bilder, die am Rande meiner Reportagen entstanden sind und die nie in der Zeitung waren, wieder ausgegraben und das Buch damit ergänzt. Dazu kommt ein Überblick für jedes Jahr zum Geschehen allgemein.

Wie lautet sein Titel?

Das verrate ich noch nicht. Zurzeit ist alles im Layout bei Wallimann. Bis zum Druck geht es noch ein Momentchen und wer weiss, was bis dahin noch passiert. Nur soviel: Der geplante Titel ist in diesem Interview schon irgendwo enthalten. Und «backstage» ist es nicht.

Ist ein zweiter Band in Planung?

Nein. Wenn man schreibt, weiss man zwar nie, was morgen auf dem Papier steht. Aber mit dem «backstage», dieser Art von Kolumnen, ist jetzt Schluss. Ich wollte damit schon lange aufhören und mit dem Buch anfangen. Aber dann erlebte ich immer wieder lustige Sachen, woraus ich eine Kolumne machen wollte. Etwa einen Polterzug vor dem Volg oder die Geschichte vom Wasserbett in der Metzgerei. Oder die Kirchturmuhr, die monatelang zwei verschiedene Zeiten angab.

Wäre das Ende der Kolumne aufzuschieben, wenn ein anderes Dorf, eine andere Gemeinde auch so etwas wünschen würde?

Dann wäre es ein Auftrag. Das Rickenbacher «backstage» ist ein Geschenk, das entstand nie auf Anfrage. Es zeigte immer den puren Zufall. Ein «backstage» konnte man nicht bestellen.

Was muss noch gesagt werden? Du hast das letzte Wort.

In all den Jahren hat kein einziges Mal jemand gesagt, er oder sie wolle meinen Text vor der Veröffentlichung lesen. Alle hatten volles Vertrauen in das, was ich über sie schrieb. Das berührt mich sehr und dafür möchte ich mich bedanken.


Interview: Sandro Portmann






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