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Das ABC der Schwierigkeiten

A wie Administration, B wie Behörden, C wie… Lehrpersonen und Schulleitungen können ein ganzes ABC aufsagen und das reicht immer noch nicht aus, um die schwierigen Umstände zu beschreiben, unter denen sie ihre Arbeit machen müssen. Seit fast zwei Jahren gibt «Schulmeister Corona» den Takt an. Nebst gewohntem Schulverlauf bestimmen neue Regeln, Massnahmen und Einschränkungen zur Pandemiebekämpfung den Unterricht. Hanspeter Erni aus Pfeffikon ist seit 2019 Schulleiter der Schule Rickenbach und gibt Auskunft von A bis Z über den Schulbetrieb in Zeiten von Corona.

Hanspeter Erni, Schulleiter in Rickenbach, erzählt was es heisst, Schule zu geben während der Coronapandemie. 


A wie Administration: Klassenquarantänen, Lehrpersonen, Mitarbeitende sowie Lernende in Quarantäne, ständig wechselnde Vorschriften … und gleichzeitig einen optimalen Schulbetrieb bieten: Der administrative Aufwand für Schulleitung, Lehrpersonen und Mitarbeitende ist riesig.

B wie Behörden: Wir als Schule sind verpflichtet umzusetzen, was die Behörden vorgeben. Diese Rahmenbedingungen und Schutzkonzepte müssen ständig angepasst werden.

C wie … nein, nicht jenes Wort. C wie… Chance: Für die Digitalisierung an der Schule waren die vergangenen zwei Jahre eine Chance, diese bekam einen grossen Schub. Für die Kreativität ist es eine Chance, wenn neue und praktische Lösungen gefunden werden müssen.

D wie Druck: Der Druck ist enorm. Das Spannungsfeld in der Gesellschaft, das durch Corona hervorgerufen wurde, wird auch an der Schule ausgetragen.

E wie Eltern: Wir erfahren grosse Solidarität und grosses Verständnis von Seiten der Eltern. Andererseits gibt es aber zwei kleine Randgruppen von Massnahmengegnern wie auch von solchen, die verschärftere Massnahmen fordern. Der Austausch mit ihnen findet statt und fordert uns.

F wie Freundschaft: Die Qualität der Freundschaften hat in dieser Zeit bestimmt zugenommen. Es ist zwar schwieriger, Freundschaften zu pflegen, aber es ist eine Chance für bestehende Freundschaften. Sie können enger werden, bei den Kindern und Jugendlichen wie allgemein in der Gesellschaft.

G wie Glück: Unser Glück ist, dass wir an unserer Schule bisher keine schweren Krankheitsverläufe hatten, obschon unsere Fallzahlen hoch waren.

H wie Homeschooling: Ja, das gibt es. Seit dem Januar haben sich drei Familien mit insgesamt fünf Kindern für Homeschooling mit einer privaten Lehrperson entschieden, dies aus persönlichen Gründen, die zum Teil mit den Schutzmassnahmen zusammenhängen.

I wie Individualität: Die individuelle Förderung der Schüler:innen ist unter diesen Umständen ganz klar eine grosse Herausforderung. Die zur Verfügung stehenden Ressourcen werden für die Schwächeren sowie für die vom Unterricht abwesenden Schüler:innen eingesetzt. Die aktive, individuelle Förderung kommt momentan ganz klar zu kurz.

J wie Jugendliche: Den Jugendlichen wird viel genommen. Sie leiden sehr. Klassenlager, Skilager sowie andere coole Anlässe fallen weg. Die Jugendlokale bleiben mehrheitlich geschlossen. Es ist schwierig für sie, Sorgen zu äussern und Frust abzulassen. Das äussert sich dann manchmal wiederum in einem schwierigeren Verhalten in der Schule.

K wie Kompliment: Der Gemeinde Rickenbach spreche ich ein dickes Kompliment aus. Die Unterstützung ist gross. Der Gemeinderat spricht die benötigten Ressourcen, fragt nach und ist in stetem Austausch mit der Schulleitung. Das gilt ebenfalls für die Bildungskommission. Ein weiteres Kompliment geht an den Kantonsarzt und den Rechtsdienst. Und was das Sekretariat und eigentlich alle Mitarbeitenden an der Schule leisten, verdient mehr als ein Kompliment.

L wie Luft: Ja, Luft hat an Bedeutung gewonnen! Aktives Lüften, frische Luft von draussen … mit der Qualität der Rickenbacher Landluft sind wir privilegiert! Luft im übertragenen Sinne? Ja, zwischendurch ist uns die Luft schon ausgegangen, wenn man etwa auch an Wochenenden kaum mehr zu Erholung kam.

M wie Miteinander: In dieser Zeit gibt es ganz klar nur das Miteinander. So etwas kann man nur gemeinsam ­bewältigen. Am wichtigsten ist, dass man im Umgang das Verständnis und den Respekt nicht verliert: Eltern, Lernende, Lehrpersonen, Mitarbeitende, Schulleitung, alle. Ja, bei gewissen Diskussionen ging der Respekt leider teilweise verloren.

N wie Neu: Für die neuen Lehrpersonen, die direkt von der Ausbildung kommen und erst gerade mit Unterrichten starten, ist der Einstieg unter diesen Voraussetzungen sehr schwierig. Sie leisten einen unglaublichen Job! Das gilt aber eigentlich für alle an der Schule, die tagtäglich flexibel und zuvorkommend sein müssen.

O wie Organisation: Diese Pandemie fordert von der Schule extrem viel Organisation. Zum Beispiel nur schon für die Pooltests braucht es: Einverständniserklärung, Verteilung der Testkits, Speichelproben an drei Standorten sammeln, etikettieren und online verschlüsselt eintragen, Sendung ans Labor, Resultate den Eltern telefonisch kommunizieren, Einzeltests veranlassen, Rückmeldungen an den Kanton machen, für alles die entsprechende Infrastruktur organisieren … es ist gewaltig. Zum Glück haben wir kompetente, zusätzliche Mitarbeitende gefunden, die uns tatkräftig unterstützen.

P wie Pooltests: Jeden Dienstag werden bei uns die Pooltests durchgeführt. Dies ist ein präventives Element, das funktioniert. Die Tests sind absolut freiwillig. Langsam geht die Anzahl der Schüler:innen, die am Pooltest mitmachen, jedoch zurück.

Q wie Quarantäne: Diese ist sehr belastend für uns alle. Die Schulleitung muss Stellvertretungen suchen, wenn Lehrpersonen ausfallen. Die Lehrpersonen müssen Unterrichtsstoff für die Lernenden zu Hause bereitmachen, einzelne per Video im Unterricht zuschalten. Mitarbeitende müssen ersetzt werden …. Wir sind sehr froh, dass die Quarantäne inzwischen auf fünf Tage reduziert wurde!

R wie Regeln: Die lange Dauer dieser Ausnahmesituation macht es so schwierig. Tagtäglich muss man an die Massnahme-Regeln erinnern, auch sich selber. Doch können wir die Regeln nachvollziehen. Sie dienen der Gesundheit aller und so können wir den Präsenzunterricht aufrechterhalten. Es ist unser Auftrag, sie einzuhalten und umzusetzen. Man hofft immer auf Lockerungen. Als letzten Herbst die Massnahmen erneut verschärft wurden, waren wir natürlich enttäuscht.

S wie Schutz: «S wie Schwangerschaft» wäre mir lieber! (lacht) Wir haben zurzeit beim Lehrpersonal sechs Ausfälle wegen Schwangerschaft. Das ist ja erfreulich. Aber in der aktuellen Situation ist es zusätzlich schwierig, Stellvertretungen zu finden, denn generell ist der Lehrpersonenstellenmarkt ausgetrocknet.

T wie Team: Das Team ist wichtig und funktioniert sehr gut. Es ist eine grosse Solidarität feststellbar, wenn es darum geht, einander zu helfen, für jemanden einzuspringen, sogar dann, wenn man selber kaum mehr mag. Langfristig gesehen sind das auch erfreuliche und aufbauende Aspekte. Daher ein herzliches Dankeschön für diese Hilfsbereitschaft an alle Mitarbeitenden der Schule.

U wie Unsicherheit: Diese ist immer da! Seit dem vergangenen Oktober nehmen wir alles nicht einmal von Woche zu Woche, sondern von Tag zu Tag! Man weiss schlicht nicht, was morgen sein wird, welche Lehrpersonen und Mitarbeitende oder welche Lernenden wo ausfallen werden. Die Lehrpersonen müssen tagtäglich planen, umstrukturieren und so den Unterricht flexibel gestalten. Das gilt auch für das Sekretariat, die Hauswarte, das Reinigungsteam, die Klassenassistenzen und natürlich die Tagesstrukturen.

V wie Verschwörung: Das gibt es manchmal. Wenig, aber damit haben wir auch zu tun. Und es ist schwierig, dass gar keine konstruktive Diskussion mehr möglich ist.

W wie Wut: Es ist schwierig, es auszuhalten, wenn konstruktive Diskussionen nicht möglich sind und die Wut auf behördliche Vorgaben, die wir umsetzen müssen, zu persönlichen Angriffen und Bedrohungen führen.

X wie x-mal: Ja, x-mal Regeln anpassen, x-mal Konzepte neu ausarbeiten, x-mal das Gleiche sagen und schreiben, x-mal Anlässe absagen, x-mal Stellvertretungen suchen, x-mal… und das nun schon seit fast zwei Jahren.

Y wie… Platz für eine freie Äusserung: Mein grösster Wunsch ist, dass wir von aussen weiterhin Verständnis und Unterstützung bekommen, um diese ausserordentlich belastende Situation bewältigen zu können. Trotz all den Schutzmassnahmen und der persönlichen Belastung versuchen wir den Schüler:innen eine schöne Schulzeit zu ermöglichen, so dass sie tagtäglich gerne in die Schule kommen.

Z wie Zeit: Die Zeit für den Mehraufwand ist kaum bezifferbar. Seit bald zwei Jahren geben wir alle an der Schule sieben Tage die Woche unser Bestmöglichstes.

Einblick in den Unterricht der Klasse 5./6. Primar in Rickenbach, just ein Tag bevor die Maskenpflicht aufgehoben wurde.
Lesen mit Gesichtsmasken – die Kinder mussten sich an vieles gewöhnen.


Interview und Bilder: Ursula Koch-Egli







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