Bikini, Blume, Pinguin... ausdrucksstark und einzigartig
Kunstschaffende aus der Werkgruppe AWB Sursee der Stiftung Brändi zeigen aktuell ihre Werke in der Ausstellung «Sichtbar». Bescheiden und prägnant integrieren sich ihre rund 70 Bilder über mehrere Stockwerke verteilt in die Räumlichkeiten der Regionalbibliothek Sursee. Ob Bikini, Blume oder Pinguin: Die Betrachtung lässt einen nicht unberührt.
Beim Gang durch das Treppenhaus und die Etagen der Regionalbibliothek wird der Blick in Beschlag genommen: Vom roten Bikini, vom gelben Pinguin und der roten Blume mit sieben Blättern auf hellblauem Grund. Die Bilder der Ausstellung «Sichtbar» bestechen durch ihre Einfachheit und Direktheit. Und weil diese Einfachheit so ehrlich ist, wird sie zu Schönheit.
Ha, ertappt fühlt man sich da!
Andere Bilder zeugen von einer unglaublichen Tiefgründigkeit: Die Familie, die um das sterbende Kind trauert. Liebevolle, fast zärtlich gemalte Gesichter. Augen, die sprechen. Daneben in ebenso bunter und kecker Malweise, die Mona Lisa. Man kann nicht unberührt daran vorbeigehen.
Weiter oben ein Bild mit sechs farbigen Strichen. Einfach Farben, man spürt förmlich den Genuss, mit dem sie aufgetragen worden sind, der Blick folgt der Farbenreihe, an deren Ende schelmisch ein winziges, lachendes Gesicht hervorblickt. Ha, ertappt fühlt man sich da!
Es gibt ausgelassene Formen, mit breitem Pinsel grosszügig aufgetragene Farben, genauso wie kleine, akribisch detaillierte Zeichnungen mit Objekten, gleichmässig und hundertfach wiederholt. Man könnte neidisch werden. Neidisch auf die Zeit, die die Kunstschaffenden haben, sich zu vertiefen, neidisch auf die Freiheit, nur das zu schaffen, woran sie Freude haben. Denn was die Schöpfer dieser Werke nicht kennen, ist: «Gut sein» wollen. Ihre Werke «sind» einfach, und deshalb sind sie gut.
«Ja, das stimmt»
Die Resonanz beim zahlreichen Vernissagepublikum war auch dementsprechend. «Mega!», sagten viele und strahlten. «Diese Farben... und lauter fröhliche Leute!» Viele Gäste hatten einen persönlichen Bezug zur Werkgruppe AWB Sursee, es gab aber auch solche, die aus reinem Interesse die Vernissage besuchten. Wie etwa das junge Paar, das fasziniert die Bilder betrachtete und mit den Künstlern ins Gespräch kam. «Es ist sehr spannend», sagten sie, «die Bilder haben klare Aussagen in einzigartigem Stil. Und sie sind immer fröhlich, sogar das Bild von der Beerdigung!» Die Künstler seien stolz auf ihre Werke, ohne eingebildet zu sein, fanden sie. Amüsiert und beeindruckt beschrieb die junge Frau, wie sie einem Künstler ein Kompliment gemacht und gesagt habe, sein Bild sei schön – und er habe geantwortet: «Ja, das stimmt.»
Stolz, Freude, Lebendigkeit
Markus Tremp, Unternehmensleiter AWB Sursee, äusserte in seiner Ansprache seine Freude darüber, dass die Ausstellung realisiert werden konnte. Speziell bedankte er sich beim Bildhauer und Gestalter Roland Heini für die Mithilfe beim Kuratieren und ebenso bei allen Künstlerinnen und Künstlern, ohne die eine Ausstellung ja gar nicht möglich gewesen wäre.
Bildungsvorsteherin Heidi Schilliger-Menz würdigte mit wertschätzenden Worten die Künstler:innen. Mit viel Feingefühl spielte sie mit dem Titel «Sichtbar» der Ausstellung, welche auf ihre Weise Unsichtbares sicht- und erfahrbar mache.
Berührend, herzlich und erheiternd waren darauf die Kurzinterviews mit drei Kunstschaffenden, die über ihre Bilder erzählten. Nicole Fontana sprach in einer Selbstverständlichkeit über «die Beerdigung unseres Kindes», die sie gemalt hatte, und dass das Sterben und das Leben zusammengehörten, aber sie male eben lieber das Leben. Martin von Dach erzählte aufgeregt von seiner «Zeitmaschine» und Daniel Meier, mit «Chäppi» und schillerndem Paillettengurt, sprach ganz cool über Elvis, den er verehrt und schön farbig gemalt hatte – aber eigentlich nur sein Auto, denn Elvis war gerade nicht da.
Abteilungsleiterin Livia Wallimann freute sich ebenfalls sehr. Mit strahlendem Lachen hielt sie ihre Ansprache an die Gäste und dankte den Mitarbeitenden für ihre Kreativität, welche die Werkgruppe zu einem lebhaften und herzlichen Ort mache. Sie bedankte sich auch beim jungen und motivierten Team: «Ich bin richtig stolz auf euch!» Livia Wallimann stammt aus Beromünster und leitet seit einem halben Jahr die Abteilung dieser Werkgruppe der Stiftung Brändi in Sursee.
Punkte und Berührungspunkte
Die Ausstellung «Sichtbar» gibt der Werkgruppe AWB Sursee die Möglichkeit, ihr Werken und Wirken, das sonst meist innerhalb der Institution an der Münsterstrasse in Sursee stattfindet an, nach aussen zu bringen und eben «sichtbar» zu machen.
Wer bisher keine Berührungspunkte zu Menschen mit einer Beeinträchtigung hatte oder zu Institutionen, welche sie beschäftigen, bekommt dies durch die Ausstellung in der Regionalbibliothek Sursee auf sehr schöne und sympathische Weise. Sie dauert noch bis Mitte November.
Alles Unikate
Die Nachfrage nach den Bildern war an der Vernissage bereits beachtlich. Kaum hatte der Rundgang begonnen, waren etliche rote Punkte unterhalb der Bilder bereits verteilt. Die Bilder kosten zwischen 50 und 500 Franken und sind alles Unikate. Wer Interesse an weiteren Bildern hat oder eines in Auftrag geben möchte, dem stehen die Türen des Ateliers in Sursee zu Geschäftsöffnungszeiten offen. Auch die Kunstkarten sind willkommene Hingucker, von denen es im Brändi-Shop auch viele zu erstehen gibt: Farbig, ausdrucksstark, neckisch und fröhlich wie diejenigen, die sie geschaffen haben.
Text und Bilder: Ursula Koch-Egli
«Sichtbar»
Bilder-Ausstellung von Kunstschaffenden der Werkgruppe AWB Sursee.
Bis Samstag, 12. November 2022.
Regionalbibliothek Sursee, Herrenrain 22, Sursee.
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 10.00 bis 12.00 Uhr und 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag: 9.00 bis 12.00 Uhr.
Weitere Infos:
AWB Sursee, Stiftung Brändi (braendi.ch)
https://www.braendi.ch/unsere-unternehmen/awb-sursee/
Weitere Impressionen aus der Vernissage vom 19. August in der Regionalbibliothek Sursee:
Bilder: uke