«Bevor ich zur Schule ging, wollte ich Menschenfresser werden»
Am 15. Mai fand im Rahmen der Ausstellung im Raum für Kunst B74 an der Baselstrasse in Luzern ein «Artist Talk» statt. Kathrin Oester Znoj, assoziierte Forscherin am Institut für Sozialanthropologie Universität Bern und einstige Studienkollegin von Matthias Estermann, beleuchtete mit ihm sein Werk und die Stationen seines Werdegangs als bildender Künstler.
Matthias Estermann im B74 Raum für Kunst, Luzern
Noch bis Samstag, 25. Mai 2024
Öffnungszeiten:
Donnerstag und Freitag, 16 bis 19 Uhr, Samstag 14 bis 17 Uhr
Finissage: Samstag 25. Mai, ab 14 Uhr
www.b74-luzern.ch
Der Raum wirkt hell, die Dinge darin bunt, verwirrlich, aneckend und verspielt. Der Künstler und die Anthropologin führen ein Gespräch, rund 20 Personen lauschen gespannt.
Matthias Estermann ist im – von Katholizismus durchtränkten – Luzerner Hinterland aufgewachsen. Hautnah erlebte er als Ministrant die Kirchenfeste und war schon als Bub fasziniert von den Ritualen, Symbolen und Kultgegenständen. Sagt heute mit einem Schmunzeln im Gesicht: «Bei Prozessionen bin ich über die Felder gegangen, habe das Vortragekreuz geschultert wie ein Söldner bei Marignano die Fahne. Dabei liess ich meine Gedanken schweifen und lud mir mit viel Fantasie Neues auf. Schon als Kind schuf ich mir Parallelwelten.» Die Gegenstände, nicht nur die religiösen, sind es, die ihn interessieren. Dies widerspiegeln die Katsina-Figuren in seiner Ausstellung.
Die Katsina der Hopi
Er erklärt: Katsina, plural Katsinam, gehören zur Kultur der Hopi, einem indigenen Volk im Südwesten der Vereinigten Staaten von Amerika. Dieses Pueblovolk lebt matrilinear, was heisst, die Frauenlinie ist betont. Die Frauen besitzen Boden und Haus. Die Mädchen bekommen von ihren Onkeln mütterlicherseits, die auch Erzieher sind, Katsinam geschenkt. Diese sind keine Kultgegenstände, sondern pädagogisches Spielzeug. So lernen die Mädchen Symbole, Zeichen und Bedeutung der Kulttänze und ihren Figuren kennen.
Der Hopi Wilson Tawaquaptewa, begann in den 1930er Jahren Katsinam herzustellen, welche die Normen in Frage stellten und nichts mit Tradition und Mystik zu tun hatten. Er begann, sie an Touristen zu verkaufen, um damit die echten Katsinam zu bewahren.
Ein Rebell als Vorbild
«Den habe ich besonders gern», sagt Estermann über Wilson Tawaquaptewa, «weil er vieles in umgekehrter Form zeigt, pervertiert oder obszön auslegt. Seine Figuren stehen nicht mehr direkt in der Tradition der Hopi-Kultur. Wilson Tawaquaptewa ist ein Rebell, das gefällt mir.» So versteht Matthias Estermann auch seine Katsinam. Er setze sich mit den Farben, Normen Gestaltungsregeln und Themen der Hopi auseinander und lasse diese in seine Figuren mit katholischem Hintergrund einfliessen.
Kathrin Oester Znoj meint dazu: «Für deine Figuren verwendest du die katholisch geprägte Symbolwelt vom Luzerner Hinterland. Fundstücke aus Abbruchcontainern, Haus- und Scheunenräumungen. ‚Kulturschrott‘, wie du sagst. Du hältst dich an die Gestaltungsregeln der Hopi, lässt alles durch deinen Mixer laufen und die Büchse der Pandora öffnet sich.» Man könne bei seinen Arbeiten demzufolge nicht von kultureller Aneignung sprechen, da er sich in der Arbeitsweise von Wilson Tawaquaptewa sehe und so in einem Austausch, einer Tauschbeziehung, mit der Hopi-Kultur stehe. «Ja», stimmt Matthias Estermann zu, «ich sehe mich in einer virtuellen Kommunikation mit den Hopi. Wenn ich etwas Schräges mache, habe ich keine Hemmungen. Ich erlaube mir Narrenfreiheiten und lasse mich vom Arbeitsprozess überraschen. Aber ich darf sie nicht enttäuschen.»
«Wenn ich etwas Schräges mache, habe ich keine Hemmungen. Ich erlaube mir Narrenfreiheiten und lasse mich vom Arbeitsprozess überraschen.» Matthias Estermann
Was wohl Tawaquaptewa zu seinen Figuren sagen würde, wird Matthias Estermann gefragt. Und er antwortet überzeugt: «Der würde sicher sagen, es dürfte noch etwas provokativer sein.»
Mit spitzbübischem Gesichtsausdruck kramt er aus einer Holzkiste ein in weisses Seidenpapier gewickeltes Ding und packt den Gegenstand feierlich aus. Es ist eine etwa 35 Zentimeter hohe Katsina aus der Hand von Wilson Tawaquaptewa. Der Menschenfresser.
Aus erklärtem Berufsziel wurde nichts
«Bevor ich zur Schule ging, hatte ich die feste Absicht, Menschenfresser zu werden. Daraus ist nichts geworden – lediglich ein Wiederkäuer.» So beschreibt sich Matthias Estermann denn auch selber. Kathrin Oester Znoj sagt, er sei Ethnologe wie auch Künstler, und führt aus: «Ethnologie ist die Kunst der Genauigkeit. Matthias kennt die Kultur der Hopi sehr genau und arbeitet ebenso an seinen Kunstwerken. Er konstruiert und dekonstruiert sehr genau.» Er meint dazu: «Ja, wie eingangs erwähnt: Das Haben von Originalen, also dem Echten, dem Genauen – das macht mich glücklich. Das lässt mich auch Moral und alles vergessen, um meinen Gestaltungsprozess akribisch verfolgen zu können.»
«Ich habe noch viele Worte und Ideen, denen ich Gestalt verleihen kann.» Matthias Estermann
Auf die Frage, wie er denn selbst seine Kunst bezeichne und wer seine Vorbilder seien, antwortet er: «Ich kann mich selbst nicht kategorisieren. Zu den Künstlern und Werken, die mich beeindrucken, gehören sicher Hieronymus Bosch und der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald. Auch Dadaisten wie Otto Dix, Wassily Kandinski, Paul Klee, Jackson Pollock. Und natürlich Albrecht Dürer als grosser Perfektionist.»
Figuren entstehen über die Sprache
Abschliessend fragt Kathrin Oester Znoj: «Seit mehr als vierzig Jahren bist du Kunstschaffender, bis anhin stets im Stillen. Befasst dich mit Musik, Bildender Kunst und schreibst Texte. Welche der drei Disziplinen ist dir am wichtigsten?» Darauf antwortet er in seiner prägnanten, angerauten Stimme: «Eigentlich möchte ich Musik machen, kann es aber nicht gut genug. Nur laut genug und nicht perfekt. Schreiben geht, das mache ich gerne.» Seine Figuren entstünden über die Sprache. «Ich weiss zuerst, wie die Figur heisst, noch bevor sie dasteht. Es dauert dann lange, bis sie so aussieht, wie ich will, und manchmal kommt es anders als geplant. Ich lasse mich führen.» Seine sprachlichen Begriffe hätten einen engen Zusammenhang mit dem Objekt. «Ich habe noch viele Worte und Ideen, denen ich Gestalt verleihen kann». Sagt es, und bettet den Menschenfresser wieder sorgsam in die Kiste.
Daniela Bucher Schmidlin
Der Mann mit den Zöpfen – hat er nicht ein altes Schiff im Garten?
Wer Matthias Estermann mit seinen kunstvoll geflochtenen Zöpfen kennt, seinem Wissen und seinen Erzählungen folgt, wird neugierig. Ein Besuch an der Baselstrasse im Raum für Kunst B74.
Und wenn man vernimmt, dass er seine allererste, grosse Ausstellung hat in Luzern, erst recht. Was für Ideen schlummerten wohl all die Jahrzehnte in seinem Kopf, hat er nicht ein altes Schiff im Garten? Und was für Phantasien hortet er im grossen Estrich und im Gang des Pfyfferchorhofes in Beromünster? Rund ein Jahr lang soll er für diese Ausstellung mit Unterstützung seiner Frau Andrea gearbeitet haben.
So machen wir uns auf zur Expedition. Vom ländlichen Flecken Beromünster nach Luzern an die Baselstrasse. An einen Ort mit noch mehr Durchgangsverkehr. Es ist wie eine Reise in fremde Länder, und wir staunen über das lebendige Treiben: Ein Kilo Tomaten für einen Franken, Perücken mit Rastas, Nachtclubs, bis in die Morgenstunden geöffnet … alles Dinge, die im Michelsamt schwer zu finden sind.
Rosenkranz und Göttinnen
In einer Seitengasse versteckt, dann der Ausstellungort B74. Und wieder tauchen wir ein in eine ganz andere Welt. Ein Herr sitzt da und liest in einem Büchlein über den «Dorfbrand von Buttisholz», wartet auf Besucher und hinter ihm leuchtet ein abgetragener «Rotmantel» aus dem Chorherrenstift Beromünster. Darunter räkeln sich zwei überdimensionale Rosenkränze aus Rätschen, Kreuzen – und etwa Kanonenkugeln? Darüber hängen auf zarten Blättern zahlreiche, grafisch sorgfältig komponierte und filigrane Radierungen mit Darstellungen der Göttinnen der Künste. Die hübschen Göttinnen kommen uns vertraut vor …
Markbein und Rollschuhe
Im zweiten Raum überwältigt uns die Fülle von Matthias Estermanns Schaffenskraft: Rund hundert Augen von Masken und Puppen folgen uns auf unserem Rundgang. Erst auf denzweiten Blick erkennen wir, woraus sie zusammengesetzt sind. Dinge, die langsam von dieser Welt und auch aus dem Michelsamt verschwinden: Waschbretter, Plakengewehre, Markbeine, Sicheln, Dachbalken, Spinnräder oder schicke Rollschuhe. So ist die Reise durch die Baselstrasse auch eine Reise in die Vergangenheit. Und zu den indigenen Kulturen Nordamerikas.
«Die zwei Rosenkränze sind wunderbar und von hoher künstlerischer Qualität. Sie bauen eine inhaltlich komplexe Brücke vom Mittel-alter zu unserer Gegenwart.»
Charles Moser, Künstler und ehemaliger Leiter des Studiengangs Kunst & Vermittlung an der HSLU, Design und Kunst
Katholisch und indigen
«Ich habe Europa nie verlassen und habe die letzten 30 Jahre meiner Arbeitszeit als Primarlehrer gearbeitet. Ich bin immer im Stillen kreativ tätig», sagt Matthias Estermann. Um so schöner ist, dass er uns einen Einblick in seine Welt und sein Schaffen gibt. Alles ist sorgfältig gestaltet und wohlkomponiert. Was er uns hier zeigt, ist der Ausdruck seiner Freude und das Interesse an Kunst, Handwerk, Doppeldeutigkeiten und an den Kulturen – den katholischen wie den indigenen.
Zuviel möchten wir an dieser Stelle nicht verraten, denn eine Reise an die Baselstrasse und durch die Welt von Matthias Estermann sollte man selber erleben.
Annabarbara Suter
Bilder: Daniela Bucher Schmidlin, Annabarbara Suter