Ausnahmetalent Anja Grossmann auf der Überholspur
Auf dem Bike lässt Anja Grossmann alle hinter sich. Die 13-jährige Rickenbacherin hat in ihrer Kategorie im letzten Jahr alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Kenner der Bike-Szene sprechen von einem ehrgeizigen Ausnahmetalent.
Ginge es nach Anja Grossmann, würde sie rund um die Uhr trainieren: Ihre Technik verbessern, ihre Ausdauer, ihr Geschick auf dem Mountainbike. Die 13-jährige Rickenbacherin ist ein Ausnahmetalent auf dem Bike. Anja Grossmann ist so stark, dass sie auch in der Kategorie der Buben mithalten könnte. Zumindest würde sie immer in den Top Ten auftauchen. Die Erfolge sprechen für sich: Im letzten Jahr hat sie alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Die 13-Jährige hat 2021 in ihrer Kategorie auf nationaler Ebene alle sieben Swiss Bike Cup Läufe gewonnen sowie alle Radquer-Rennen im Herbst. Wie hat sie das erlebt? «Es war mega cool», wie sie im Gespräch mit dem «Anzeiger Michelsamt» sagt. «Das Gefühl, wenn du an deine Grenzen gegangen bist und darüber hinaus, alles gegeben hast, etwas Neues geschaffen hast, oder wenn du ein Rennen gewonnen hast. Dieses Gefühl ist für mich unbezahlbar, ich lebe für den Mountainbikesport, ich mache alles dafür, dass ich hoffentlich mal zu den Weltbesten gehöre», erzählt sie. Ihre Träume sind gross und sie ist ehrgeizig, diese zu erreichen. Das Ziel, sich an den nächst möglichen Olympischen Spielen mit anderen zu messen, ist gesetzt.
Ein Ausnahmetalent
Dafür trainiert sie hart. Während zwei Stunden wird auf verschiedensten kleinen Trainingsrunden im Wald im unteren Wynental immer wieder intervallmässig gefahren und an der persönlichen Fahrtechnik gefeilt. Am Freitag ist Hallentraining angesagt. Kraft und Koordination stehen hier im Zentrum. Trainiert wird mit klassischen Übungen, etwa mit dem Medizinball oder Treppensprüngen. Am Samstagmorgen wird der Fokus auf das Fahren eher im Ausdauerbereich gerichtet. Zwei Stunden sitzt und steht Anja Grossmann auf dem Bike, wobei auch die Technik nicht zu kurz kommt. Seit zwei Jahren begleitet Beat Stirnemann die junge Rickenbacherin als Trainer des Swiss Cycling MTB Stützpunktes Aargau. Er spricht von einem Ausnahmetalent. «Ihr Entwicklungsstand im Bereich Kraft und Ausdauer ist sehr weit. Jolanda Neff war in ihrem Alter nicht so stark wie Anja», wie er vergleicht. Jolanda Neff ist eine Schweizer Profi- Radrennfahrerin. Sie gewann dreimal die U23 Weltmeisterschaft im Mountainbike-Cross-Country, ist dreifache Mountainbike-Gesamtweltcup-Siegerin, Weltmeisterin im Mountainbike-Marathon und Cross Country sowie Olympiasiegerin im Mountainbike-Cross-Country. Beat Stirnemann erlebt Anja Grosmann als sehr fokussiert und ehrgeizig: «Wenn sie etwas nicht kann, geht es eine Woche, dann kann sie es.» Er hat den Verband Swiss Cycling auf das Jungtalent aufmerksam gemacht. Beim Sichtungstag des Verbands, wie Stirnemann erzählt, hat sie als U15-Fahrerin die Übungen mit 0 Fehlern gemeistert. Die Übungen sind Aufnahmekriterien für eine U19-Fahrerin.
Grosses Potenzial sieht auch der ehemalige Schweizer Profi-Rennfahrer Armin Meier. «Es ist sehr bewundernswert, was sie erreicht hat», sagt er, der mit seiner Firma, der Human Sports Management, den Swiss Bike Cup am 12. und 13. März nach Rickenbach holt. «Sie ist hochtalentiert, sowohl technisch als auch physisch und das sind gute Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein», sagt er im Gespräch.
«Auch ein Familienprojekt»
Anja Grossmann besucht heute die Oberstufe in Rickenbach. Mit dem intensiven Training unter der Woche ist der Stundenplan der 13-Jährigen schon ziemlich voll. Aber vom Bike – ein S-Works Epic Rahmen – kann sie nicht genug bekommen. Auch am Mittag trainiert sie nach dem Essen auf der Slackline ihr Geschick oder macht Koordinationsübungen. Die Hausaufgaben, wie sie sagt, erledigt sie möglichst rasch – «damit ich baldmöglichst trainieren gehen kann.» Ihr Ehrgeiz ist so gross, dass man sie bremsen muss, wie ihr Umfeld sagt. «Ich würde am liebsten immer trainieren, aber das geht nicht», weiss sie. Deshalb hat sie zusammen mit ihrem Coach und Mechaniker, Marcel Steiger, Velo und Sportshop AG Menziken, einen Trainingsplan ausgearbeitet. Wie gross Ehrgeiz und Leidenschaft sind, zeigt auch die Anekdote, als sie nach dem ersten intensiven zweistündigen Training in Gränichen noch mit dem Velo die rund 20 Kilometer lange Strecke nach Hause fuhr. Als beim nächsten Mal die Eltern sie mit dem Auto abholten, war sie traurig, dass sie nicht heimfahren durfte. «Wir sind sehr stolz auf Anja», sagt Mutter Barbara, die im Hintergrund alles managt. «Es ist auch ein Familienprojekt», weiss sie. An die Rennen geht die Familie gemeinsam hin, auch wenn sie weit weg stattfinden. «Es würde nicht funktionieren, wenn nicht alle mitmachen würden», sagt die Mutter. Das Velofahren hat die ganze Familie – auch der Bruder von Anja – im Blut. So ist auch der Vater Martin ein leidenschaftlicher Biker und nahm regelmässig selber an Rennen teil. Seit jeher gehören Veloausflüge zum Programm der sportlichen Familie.
Unfall bei der Streckenbesichtigung
Und doch kam Anja Grossmann eher unverhofft zum Biken. Als sie 2018 mit dem Geräteturnen aufgehört hat, suchte sie nach einem sportlichen Ersatz. Beim Veloclub Sursee entdeckte sie das Biken. «Das hat mich richtig gepackt», wie sie sagt. Doch etwas hat ihr noch gefehlt. «Mir haben die Rennen gefehlt, etwas, wo ich meinen Ehrgeiz ausleben konnte.» Fündig wurde sie beim Racing Club Gränichen. «Da wurde ich richtig gefördert und weitergebracht in der Technik, im Taktischen, in der Rennvorbereitung und der Linienwahl. Ich habe viel profitiert», sagt sie. Bei ihrem ersten Rennen in der Rennserie Swiss Bike Cup fuhr Anja Grossmann 2019 in Gränichen auf den 4. Rang. Dann beim zweiten Rennen kam es bei der Streckenbesichtigung zu einem Unfall und sie musste auf die Intensivstation. Kleine Steine haben sich im Mund ins Fleisch gebohrt und mussten operativ entfernt werden. Nach der Sommerpause fing Anja Grossmann an, die Rennen zu gewinnen. Seither ist sie nicht zu bremsen und der Vorsprung auf die anderen wird immer grösser. Was ist ihr Geheimrezept für den Erfolg? Anja Grossmann überlegt kurz und zuckt mit den Schultern. «Ich mache zwar mega viel. Aber die anderen trainieren ja alle auch.» Auch die Ernährung sei kein grosses Thema. «Viele Kalorien und von allem etwas», habe ihr ein Sportarzt geraten.
Kategoriensieg als Ziel
Auf die Strecke in Rickenbach freut sie sich bereits. Ob es eine ihrer Lieblingsstrecken ist, kann sie nicht sagen. «Jede Strecke ist cool», findet sie. Dabei kommen ihr lange Aufstiege sehr entgegen. Das ist ihre grosse Stärke. Die Vorbereitung auf das Rennen am 12. und 13. März in Rickenbach seien nicht anders. Sie halte sich an den Trainingsplan. Mit welchem Ziel tritt sie beim Rennen an? «Für mich, wenn ich an einem Rennen bin, dann will ich gewinnen», sagt sie. Kann sie hier den Grundstein für eine erfolgreiche internationale Karriere auf dem Bike legen? Klar ist: Macht sie so weiter, wird man noch viel von der jungen Rickenbacherin hören.
Neue Porträtserie
Mit jungen Talenten ist es meist wie mit Blumen, die schönsten wachsen oft im Verborgenen. Ob in Sport, Politik, Gesellschaft oder Kunst: Im Michelsamt wachsen in allen Bereichen junge Talente heran. Monatlich stellen wir dieses Talent vor. Kann keiner Picasso besser nachmalen wie Francesco? Niemand macht den besseren Honig als Imker René? Oder spielt doch Julia die Harfe am emotionalsten? Wenn Sie, liebe Leser, ein Jungtalent kennen, von dem das Michelsamt erfahren muss, dann nehmenSie mit uns Kontakt auf. Wir sind erreichbar unter 041 932 40 54 oder redaktion@anzeigermichelsamt.ch
Text und Bilder: Sandro Portmann