Auf zwei Kaffees mit Hannah Treier: «Für mich ist jeder Mensch relevant und darum spannend»
Hannah Treier ist Leiterin des reformierten Pfarramtes Gunzwil. Auf Instagram ist sie präsent mit den Stichworten: «Basel – traveller – metallover – gamer – ex-student – feminist – believe in God ... and Aliens – Trekkie – animallover – vegan.» Das alles machte gluschtig: Der Anzeiger Michelsamt traf sich mit ihr zum philosophischen Kennenlern-Gespräch.
Hannah Treier, wie stellen Sie sich einer Ihnen unbekannten Person vor, die wissen will, wer Sie sind und was sie beruflich so machen?
Ich bin Pfarrerin in der Reformierten Kirche Sursee, welche weit verzweigt ist und 20 politische Gemeinden umfasst. Wir sind vier Pfarrpersonen und ich bin für die Gemeinden Pfeffikon, Rickenbach, Gunzwil, Beromünster, Neudorf, Schwarzenbach und Herlisberg seelsorglich zuständig. Seelsorge ist konfessionell unabhängig, das bedeutet, jede und jeder kann zu mir kommen. Weiter leite ich Gottesdienste, mache Taufen, Trauungen und Beerdigungen, gebe Religions- und Konfirmationsunterricht und vieles mehr.
Welche drei Adjektive beschreiben Ihre Person am treffendsten?
Reflektiert, fantasievoll, wissbegierig und natürlich noch vieles mehr... Scharfsinnig wär sonst auch noch eins, doch das ist etwas selbstbeweihräuchernd, um im Kirchenjargon zu bleiben (lacht herzlich).
Wie gehen Sie damit um, dass Sie sowohl in Gunzwil als auch in Sursee tätig sind?
Ich «gehe nicht», ich fahre (lacht). Wir sind vier Pfarrer:innen. Jede und jeder in unserem Einzugsgebiet kann auf der Homepage auswählen, zu wem er am meisten Vertrauen hat. So ist das kein Problem. Viele Termine finden telefonisch statt, und ich bin mobil.
Was verraten Sie einem interessierten Journalisten über Ihre Freizeit und Ihr Privatleben?
Journalisten darf man nicht zu viel verraten (lacht), und ich bin ein eher misstrauischer Mensch. Ich schaue gerne Filme und Serien, game, surfe im Internet, bin sehr gerne in Bibliotheken, lese gerne Fachliteratur über alles Mögliche, etwa über Medizin, bin gerne zuhause und mag Städtereisen.
Wie sind Sie zu der Person geworden, die Sie heute sind?
Durch beobachten, lernen, ausprobieren, aus Fehlern lernen, von einzelnen Menschen geprägt werden, eine eigene Meinung entwickeln.
Welches sind Ihre zentralen Glaubenssätze, Lebensphilosophien und Prinzipien?
Wow, das ist eine sehr grosse Frage. Ich bin sehr verwurzelt im Glauben. Ich bin überzeugt, dass der Mensch Grenzen braucht. Die totale Freiheit ist der Untergang des Menschen. Durch intelligente Grenzen kann er sich weiterentwickeln und doch Sicherheit empfinden. Gott liebt die Menschen. Ich glaube, dass die Zukunft baubar ist. Die Menschheit hat die Tendenz sich selber zu zerstören. Da will ich im Rahmen meiner Möglichkeiten gegensteuern. Leben im Moment ist meine Losung. Ich bin auch für Individualismus, jeder ist verantwortlich für seinen Weg.
Welches sind Ihre drei grössten Stärken und Ihre drei grössten Schwächen?
Ich denke sehr schnell, dabei jedoch manchmal für andere zu schnell unterwegs. Ich bin ziel- und lösungsorientiert, das scheint manchmal unnahbar. Und ich bin sehr direkt, dabei verletze ich auch schon mal.
Wie gehen Sie mit der Teilung des Christentums in Katholiken und Protestanten um?
Das beschäftigt mich nicht wirklich. Ursprünglich komme ich aus einer Freikirche. Bei uns hat jede Pfarrperson eigene Glaubenssätze. Wir sind Diener:innen am Wort Gottes. Ich schätze die Ökumene sehr, engagiere mich auch da, konkret mit Morgenmeditationen und Totengedenken im «Bärgmättli» und mit ökumenischen Gottesdiensten.
Vor einem Jahr publizierte Michael Egli im Anzeiger Michelsamt einen vielbeachteten Artikel: «Wie das Christentum ins Michelsamt kam». Was ist konkret zu unternehmen, damit das Christentum nicht schleichend aus dem Michelsamt verschwindet?
Die Frage ist ja immer, wie etwas kommt... und warum es verschwindet...? Leben ist Entwicklung und Veränderung, dabei ist die Sinnhaftigkeit wichtig. Eine der Aufgaben der Pfarrerinnen und Pfarrer ist es, den Wert des Glaubens an einen liebenden Gott zu kommunizieren.
Was möchten Sie bei Menschen mit Ihrer Art und Ihrer Arbeit bewirken?
Für mich ist jeder Mensch relevant und darum spannend. Es gibt nur diese Version eines Menschen und darum ist die Frage, was ich bewirken kann/muss/soll? Ich bin eine Begegnung im Leben eines Menschen und diese Begegnung soll anregend sein und für mein Gegenüber einen Moment der Sicherheit bedeuten.
Was bedeutet Ihnen Musik, und welche Musik hören Sie?
Musik kann ich im Gegensatz zu vielen Leuten nicht immer hören, da ich Stille in meinem Kopf bevorzuge. Ich höre Musik, wenn ich eine Predigt schreibe, Auto fahre oder tagträume. Ich höre viele verschiedene Stile, am meisten Nu-Metal. Ich mag generell basslastige Musik. Beim Hinfahren hörte ich Plug In Baby von Muse. Ich höre gerne Linkin Park, Bring Me The Horizon, Disturbed, Die Antwoord, Five Finger Death Punch oder Metallica.
Wie gehen Sie mit Social Media um?
Social Media ist für mich Leben, ein Blick in die Welt. Ich lerne da viel über Trends, über andere Menschen. Das ist Neugierde im positiven Sinn: Stets am Lernen, immer offen für das Andere und das Neue.
Wovor haben Sie Angst?
Ich habe eigentlich nie Angst.
Haben Sie manchmal auch Glaubenszweifel? Wie gehen Sie damit um?
Ich habe ein tiefes Grundvertrauen auf Gott.
Beneiden Sie manchmal die Katholiken um ihre barocke, sinnenfreudige Religion?
Ich beneide nicht, da ich alles habe, was mir wichtig ist.
Welche drei Dinge würden Sie an unseren beiden Staatsreligionen ändern, wenn Sie die Macht dazu hätten?
Zurück zum Ursprung. Ich schätze das Wanderpredigertum und sehe mich in dessen Nachfolge. Mein Leben als Ebenbild Gottes und Jesus als Vorbild unserer Religion.
Welche Vorbilder haben Sie?
Viele Menschen haben mich geprägt, dennoch würde ich nicht von Vorbildern sprechen, sondern eher von inspirierenden Begegnungen, die meinen Horizont erweitern.
Was möchten Sie sonst noch sagen, wurden aber noch nie gefragt?
Offene Fragen sind immer sehr schwierig zu beantworten, da kommt nichts Konkretes dabei raus... Ich mag Offenheit sehr. Wer offen ist, ist aufnahmefähig, wissenshungrig, bereit, das Visavis kennenzulernen. Das ist Leben!
Persönlich: Das ist Hannah Treier
Aufgewachsen in: Menziken AG
weitere Stationen: Toggenburg, Weltreise, Basel, Gunzwil
Gelernter Beruf: Damenschneiderin
Schulerinnerung: Ich war eher eine Träumerin und habe darum auch erst als Erwachsene die Matura abgeschlossen.
Theologische Ausbildung: «Master Of Theology» an der Uni Basel
Lieblingsessen: Ich esse, um zu überleben. Essen ist für mich nicht so wichtig wie für andere (lacht).
Mag ich sehr: Träumen. An Kleinigkeiten verweilen. Wald. Ich bin ein Stadtmensch und ein Waldkind. Struktur. Spannende Gespräche. Philosophieren, in die Tiefe gehen. Whisky. Meer, Wasser. Tiere. Am Umgang mit Tieren erkennt man den wahren Charakter eines Menschen.
Mag ich gar nicht: Menschenmassen, Ungerechtigkeit
Lieblingsfarbe: grün
Interview und Bilder: Karl Heinz Odermatt