Auf eine Laufrunde mit Rita Wicki: Grenzgängerin und «Bewegungs-Verrückte»
Die Römerswilerin Rita Wicki hat seit 2020 bereits 56 von 80 Gemeinden des Kantons Luzern immer möglichst grenznah umrundet, und laufend kommen neue dazu, wie im August die Gemeinde Schlierbach. Auf einer Joggingrunde zum Landessender erzählte sie von der Passion Laufen und ihrer praxisnahen Philosophie. Da der «Michelsämter» von ihrer Schwäche für feinste Nussgipfel wusste, gab es nachher die besten Nussgipfel der ganzen Schweiz - von der Fischer Conditorei natürlich.
Rita, kannst du dich unserer Leserschaft kurz vorstellen?
Ich bin Römerswilerin, 46, arbeite beim Kanton Luzern und bin ein Bewegungsmensch. Vor fünf Jahren waren meine Zwillingsschwester Marianne und ich daran, uns für einen Bergmarathon vorzubereiten. Ich suchte eine 30 Kilometer lange Strecke und merkte, dass die Grenze von Römerswil dafür gut geeignet wäre. Das Vorhaben gelang und machte Spass. Obwohl ich meinte, in der Region fast jeden Pfad zu kennen, entdeckte ich neue Wege. Bei der Umrundung von Rothenburg kurz darauf mit einer Laufgruppe wurde die Idee geboren, sämtliche Luzerner Gemeinden laufend zu umrunden. Nun läuft das Projekt bereits fünf Jahre, dieses Jahr etwas intensiver. Ich bin nun bei 56 von 79 Gemeinden angekommen. Ich laufe gerne in Gesellschaft, deshalb informiere ich in einer Chatgruppe über die nächste Tour. Ich plane jede akribisch mit der Schweizmobil-App. Meine Ausbildung als Polygrafin ist mir dabei hilfreich. Ich plane immer möglichst nahe an der Gemeindegrenze, jedoch stets auf Pfaden.
Daneben bin ich auch oft auf dem Bike und dem Rennvelo unterwegs. Lustig ist, dass ich früher ein fauler Hund war. Im Gegensatz zu meiner Zwillingsschwester Marianne, die sich schon immer viel bewegte und darum in der Gunst des Vaters höher stand. Mit 18 wollte ich dies ändern und begann zu joggen, zuerst tatsächlich heimlich im Wald (lacht). Mit meiner Schwester bildete ich dann das Duo «Das doppelte Lottchen» und bestritt ganze zehn Mal den Multisport-Anlass Gigathlon. Früher bestritt ich viele Strassenläufe und Velo-Wettkämpfe. Nun ist mir das Natur-Erlebnis viel wichtiger. Inzwischen ein Running Gag: Bei jeder Etappe über 15 Kilometer gibt es einen feinen Nussgipfel. Wenn es kein Restaurant hat unterwegs, wird er im Rucksack mittransportiert.
Was treibt dich an, solche Projekte zu planen und zu realisieren?
Ich bin begeistert vom Kanton Luzern und kenne ihn dank meinen Projekten nun auch sehr gut, wobei es auf jeder Tour Neues zu entdecken gibt, auch da, wo man meint, es schon zu kennen. Oft entwickelt sich aus einem spontanen Gedanken heraus eine Idee, die ich dann einfach realisieren will. So etwa Römerswil im Kanton Fribourg mit dem Rennvelo zu besuchen. Oder alle Vitaparcours des Kantons, genau 34 an der Zahl, mit Muskelkraft zu erreichen. Der nächste von uns aus ist übrigens der Steinibühlweiher in Sempach.
Welche speziellen Erlebnisse hattest du im Michelsamt oder in Gemeinden unseres Verbreitungsgebietes?
Die Umrundung von Beromünster war intensiv: 40.6 km, also fast ein Marathon, 877 Höhenmeter, 4 Stunden 28 Minuten. Der Spickel runter an den Hallwilersee und wieder rauf war sehr kräftezehrend. Ähnlich streng die Umrundung von Rickenbach mit 27.24 km und 912 Höhenmetern bis zum Stierenberg rauf, 3 Stunden 15 Minuten. Im Restaurant Waldegg Menziken gab es nur Biberli, keine Nussgipfel. Das gibt Abzug ... (lacht schallend) Erst diesen August umrundete ich Schlierbach, auch ein schönes Erlebnis, womit ich alle Michelsämter Gemeinden geschafft habe.
Wie erholst du dich jeweils wieder?
Jeder, der in der Natur Ausdauersport macht, wird mich verstehen: Solange ich kann, will ich in Bewegung bleiben, das gibt mir Energie. Ich hole wirklich Energie beim Auspowern, wobei: Beim Gemeindegrenzen-Projekt gehe ich bewusst langsam, wir nehmen immer Rücksicht aufeinander, niemand muss etwas beweisen. Wichtig ist jedoch auch: genug und gut schlafen, und das Sitzen beim Arbeiten kompensieren. Ganz wichtig: sich auch mal ein Bier gönnen. Das Konzept des Zielbiers funktioniert und motiviert (lacht).
Jetzt standen «Aktiv-Ferien» an. Wie sehen solche bei dir aus?
Ich war drei Tage mit dem Veloclub unterwegs. Wir fuhren zusammen in den Schwarzwald. Dann eine Woche Wanderferien im Gebiet Gruyère/Jaun. Herrlich, zusammen aktiv in der Natur zu sein!
Was empfiehlst du Menschen, die eher «Coach Potatoes» sind und sich nicht so überwinden können?
Ich verstehe das gut, habe ja auch so angefangen. Ich wollte damals ein besseres Körpergefühl entwickeln. Mit kleinen Schritten starten, nicht zu viel auf einmal wollen. Und sich auch mal belohnen, auch für kleine Erfolge. Dann: raus in die Natur. Ich persönlich finde ein richtiges Velo besser als ein E-Bike: Wenn man damit auch eine etwas kürzere Route macht, kann man noch viel stolzer auf sich selber sein. Doch wenn sich jemand mit dem E-Bike bewegt, ist das natürlich auch voll ok.
Was sind deine nächsten grossen Träume und Projekte, die du schon verraten magst?
Mein Chef weiss es schon: Nachdem dann alle Gemeinden des Kantons umrundet sind, plane ich als Abschluss eine Wanderung um den ganzen Kanton in einem Stück. Es ist noch nichts geplant, doch die Idee ist im Kopf, mein Sabbatical. Während drei Wochen, natürlich wieder mit Begleitung. Vorfreude herrscht!
Interview: Karl Heinz Odermatt, Bilder: kho / zvg, Karte Strava/Swisstopo