Annas Krippe – oder die Geschichte der Heiligen Familie vom Waschhaus
In den 1970er Jahren liebevoll geschaffen und auf einem Estrich Jahrzehnte überdauert, erstrahlen die Krippenfiguren von Anna Suter-Wandeler im einfachen Waschhaus zu neuem Glanz. Der Weg dorthin durch das lichtgesäumte Stiftsbezirk wird zum Weg nach Weihnachten.
Auf dem Weg nach Weihnachten – irgendwo ist immer was. Wo gehts lang, da fehlt doch noch was, und überhaupt, warum ist alles so hastig? Alle sind unterwegs, von irgendwo nach dorthin, gefühlsmässig oder örtlich. Und immer mit dabei: Die Suche nach dem Licht. Ob Kerze oder glitzernd ausgeleuchtetes Shoppingcenter, alles versucht in dieser Zeit das Ziel der Wünsche zu illuminieren. Heute genauso wie in der Geschichte vor mehr als 2000 Jahren. Ganz im Dunkeln weist das Licht den Weg. Irgendwann kommt man immer an. Und dann ist Weihnachten. Jedes Jahr passiert das wieder. Dann, wenn die Nacht am Längsten ist und die Sonne am Tiefsten, das Licht neu geboren wird.
Weg vom Barockgarten hinab zum Feldrand
Das Stiftsbezirk von Beromünster liegt in der Dämmerung. Kälte macht sich breit und hinter schimmernden Nebelschwaden wird das Blau des Himmels zu Schwarz. Die Schritte knirschen auf dem eisigen Kies. Wie Wegbegleiter säumen tausend winzige Lichter aneinandergereiht die Mauern, Pflanzen, Treppen und Wände. Hunderte kleiner Laternen in Erwartung, dass ihnen gefolgt wird.
Drei Frauen und zwei Kinder platzieren in jeder davon eine neu aufgeladene und getimte LED-Kerze. Ein Mädchen entzündet neben einer Haustür geschickt mit dem Streichholz eine weisse Kerze in der grossen Laterne. Wo ist Weihnachten? Der Nebel verwischt das Gold und den Glanz. Der Atem gefriert.
Die Lichter führen weiter fort, weg vom Barockgarten hinab zum Rand der stattlichen Häuser, hin zu den Feldern, dem Gemüsegarten, zu einem kleinen Lehmhaus. Ein Stall? Ein einziger Stern leuchtet hell an seiner Wand, niemand ist da, die Tür steht offen. Es ist still. Geheimnisvolle Anziehungskraft weckt die unwiderstehliche Neugier.
Der Anblick einer Krippe ist seit der Kindheit vertraut: Maria, Josef, Kind. Stern, Stall, Stroh, Hirten und Engel. Das ist Weihnachten. Ein seit Jahrtausenden überliefertes Bild mit tiefer Symbolik – unmöglich, jetzt nicht andächtig zu werden.
Fein gearbeitete Züge, starker Ausdruck
Das Besondere an der Krippe beim Chorherrenstift St. Michael ist, dass die Figuren lebensgross sind. Auf Augenhöhe mit Josef und hautnah am Hirten, des Engels Flügel fast im Gesicht – so erlebt man eine Krippe selten. Still stehen die Figuren, fein ausgearbeitete Gesichtszüge, starker Ausdruck. Nicht von künstlerischer Professionalität zeugt ihre Schaffung, aber von Geschick, Hingabe, genauer Beobachtung und präzisem Handwerk.
«Ums Himmels Willen!» Anna Suter-Wandeler erschrak ziemlich ob der Vorstellung, die Figuren wieder hervorzuholen.
Woher kommen sie? Begonnen hat alles in den 70er Jahren. An einem Kurs für Krippenfiguren in Schwarzenberg war Anna Suter-Wandeler aus Beromünster fasziniert von der kreativen Tätigkeit. Da das Chorherrenstift St. Michael in Beromünster damals keine Krippe besass, kam Kustos Robert Ludwig Suter im Zuge der Renovationen des Stifts mit dem Anliegen auf sie zu, für das Stift eine Krippe anzufertigen. Aber es müsste schon «etwas Grösseres» sein, wie er erklärte, worauf Anna meinte, sie könne es ja probieren.
Schaufensterpuppen als Basis
Und das tat sie. Bei «Tuch-Wicky» im Flecken fragte sie nach alten Schaufensterpuppen, die nahm sie dann mit nach Hause. «Dann habe ich den Puppen die Köpfe abgehauen, auch die Hände und Füsse», erzählt die 89-Jährige heute lachend und erinnert sich noch haargenau an alle Arbeitsschritte. «Ich versuchte, Köpfe zu modellieren aus Styropor.» Neugier war ihre Triebkraft, «ich wollte einfach mal schauen, ‹öbs göig›.»
Es ging. Die Puppen waren ja nackt, also beauftragte sie «Frau Huwiler im Rothus», aus Stoffresten die Bekleidung für die ganze Weihnachtsbesatzung zu schneidern, ganz gemäss den Vorstellungen und Vorgaben von Anna.
Die Kopfformen mit den Gesichtern modellierte sie dann fein aus, mit «Schubi-Mehl» – wer je im Leben schon BG oder Handarbeit hatte, weiss, was das ist. In der Küche oder im Keller arbeitete sie, drei quirlige Buben um sie herum. Hatte Anna denn eine Vorlage? «Nein, ich habe mir einfach gedacht, wie die Menschen hätten aussehen können. Und in der Kirche, während der Messe, habe ich die Gesichtszüge der Leute studiert», antwortet sie. Auch Bilder von Statuen der römischen Antike hat sie betrachtet und formte danach die Gesichter. Nach dem Trocknen der Pappmasse setzte sie den Puppen die Köpfe wieder auf.
Klassisch, biblisch – wie aus dem Bilderbuch
Für die Hände nahm die etwa 40-jährige Hausfrau, Mutter von drei Söhnen und zahntechnische Mitarbeiterin in der Praxis des Ehemannes ihre eigenen zum Vorbild. Aus Draht formte sie Finger, liess diese halten oder greifen. Und für die Füsse liess sie eigens bei «Schumacher Estermann» Sandalen schustern: klassisch, biblisch, wie aus dem Bilderbuch. Dann die Muttergottes, Josef, der Engel, das Bemalen der Flügel ... die Arbeit zog sich über eineinhalb Jahre hinweg, Freude und Ehrfurcht schwingt in Annas Stimme heute noch mit.
«Etwa dreimal wurden die Krippenfiguren dann in der Stiftskirche zur Weihnachtszeit aufgestellt», erzählt sie. Dann aber habe das Stift neue Figuren gekauft im Barockstil, und Annas Heilige Familie wanderte auf den Estrich. Fast fünfzig Jahre verharrte sie dort, ungeachtet und verborgen. «Ach, hoffentlich haben sie die weggeworfen!», hatte ihre Erschafferin nach all den Jahren gedacht, wohl nicht zuletzt auch um damit ihre Enttäuschung über den bloss so kurzen Auftritt des aufwendigen Werkes verschwinden zu lassen.
(Bild: Annabarbara Suter)
Nach Jahrzehnten noch völlig intakt
Im Jahr 2021, vor zwei Jahren also, wurden dann auf einmal genau diese Figuren wieder aus dem Stiftsestrich zur Rehabilitation wieder hervorgeholt. «Um Himmels Willen!», dachte sich Anna, «die sind doch sicher verschrumpft!» Nein. Des Himmels Willen war, dass die Figuren auch nach so langer Zeit noch völlig intakt waren. Pragmatisch meint Anna nun heute: «Fürs ‹Wöschhus› sind sie nicht schlecht. So rustikal.» Und ergänzt freudig: «Es war die Idee von Ludwig!»
Der 2022 verstorbene Künstler und «Urmöischterer» Ludwig Suter-Brun hatte sich ein Jahr zuvor auch für die Restaurierung des Waschhauses in Zusammenarbeit mit jungen Handwerkern, der Denkmalpflege sowie seiner Tochter Annabarbara Suter von Strasky Suter Architekten stark gemacht.
Wie war das schon wieder in der Geschichte? Die Heilige Familie war auf der Flucht, bekam keinen Platz in Wirtshäusern der Stadt und musste im Stall übernachten. Genau so erging es der Heiligen Familie von Anna Suter-Wandeler. Sie wurde nicht aufgenommen im glanzvollen Zentrum der schmuckvollen Kirche, sondern bekam bescheiden einen Platz am Rande, nahe den Feldern in einer unscheinbaren Hütte. Eine wahre Weihnachtsgeschichte.
Einem Engel schaut man nicht unter den Rock
Anna Suter-Wandeler wurde 1934 geboren und wuchs in Walde, Gunzwil, auf. In den ersten Schuljahren schon sei sie von ihrer Lehrerin Philomé Herzog angehalten worden, viel zu zeichnen. Offenbar hatte sie das kreative Talent des Kindes erkannt.
«Unter dem Stoff sah man das ja nicht!» Die Schafferin der Krippenfiguren sah Dinge, die andern vorenthalten sind.
«Ich habe selber gestaunt über meine Figuren, nach all den Jahren!», sagt die 89-Jährige heute und weiss noch mehr zu erzählen. «Beim Annageln der Beine der Schaufensterpuppen hat mir der Grossvater meines Mannes, Franz Suter von der Özlige, geholfen.» Und die Muttergottes in ihrem rot-blauen Gewand, die hätte eigentlich sitzen sollen. Nicht knien. Was ja auch angenehmer wäre. Aber irgendwie liess sich das technisch nicht lösen. «Wir haben da ziemlich gewirkt mit dem Leim und den Nägeln!», lächelt sie, «aber unter dem Stoff sah man das ja nicht!» Nur zu gerne wüsste man jetzt, wie das da drunter so aussieht, Beine und Arme und all das – aber nein, einem Engel schaut man sicher nicht unter den Rock.
Man folge den Lichtern am Weg
Hat sie damals eigentlich etwas bekommen für ihre Arbeit? «Ehrenamt» sei es gewesen, so Anna. Im Gegenteil, sie habe ihre Helferinnen und Helfer für ihre Aufwände sogar bezahlt. Respektive, ihr Mann habe es bezahlt. Sie lacht. Ja, die Zeiten ändern sich. Und heute würde eine junge Anna Wandeler aus Walde vielleicht erst mal eine Hochschule für Gestaltung absolvieren. Aber das Chorherrenstift St. Michael würde heute wohl auch keine lebensgrossen Krippen mehr bestellen.
Eine schöne Weihnachtsgeschichte – die Geschichte der Heiligen Familie vom Waschhaus. Sie verkörpert in ihrer schlichten Schönheit nicht nur das tief verankerte Bild von Weihnachten im christlichen Glauben, sondern sie ist auch ein Sinnbild für das Bestehenbleiben im Wandel der Zeit.
Im Rahmen der Lichtinstallation «Adventsfunkeln» im Stiftsbezirk Beromünster kann die Krippe im Waschhaus beim Bärengraben täglich ab 17 Uhr, noch bis zum 6. Januar 2024 besichtigt werden. Man folge einfach den Lichtern am Weg.
Text und Bilder: Ursula Koch-Egli