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Anna-Maria Richard (19) aus Beromünster: «Das Miteinander ist bereichernd für alle»

Anna-Maria Richard ist in Beromünster aufgewachsen. Sie hat bis vergangenen Sommer die Kantonsschule besucht und erfolgreich abgeschlossen. Mit ihrer Arbeit «Sensibilisierung für die Integration und Inklusion von Kindern mit kognitiver und körperlicher Beeinträchtigung – ein Bilderbuch» hat sie es ins Finale von «Schweizer Jugend forscht» geschafft, das vom 25. bis 27. April in Fribourg stattfand. Der Anzeiger Michelsamt hat sich mit ihr über ihre Arbeit, ihr Leben nach der Kantonsschulzeit und ihre Pläne und Träume unterhalten.


Anna-Maria Richard mit ihrer Arbeit, die sie bei Wallimann drucken liess, anlässlich des Interviews.


Der Anzeiger Michelsamt gratuliert herzlich zur grossen Ehre, es ins Final geschafft zu haben und das Prädikat «hervorragend» erhalten zu haben, Anna-Maria. Was bedeutet es dir, zu den Besten der ganzen Schweiz zu gehören?

Ich bin sehr dankbar für diese tolle Möglichkeit. Dieses Finale und die erhaltene Aufmerksamkeit sehe ich als grosse Chance und tolle Plattform an, die dazu verhilft, dass dieses relevante und aktuelle Thema der Integration und Inklusion noch mehr Menschen erreichen kann.

Welche Chancen rechnest du dir nun für deine Arbeit aus?

Das Beste, was dieser Wettbewerb bewirken könnte, wäre es, dass mehr Menschen mit der Thematik des Miteinanders in Berührung kommen. Eine Wunschvorstellung von mir ist es ausserdem, dass ein Verlag Potenzial in diesem Buch sieht und es möglicherweise drucken würde. Auf diese Weise könnte die Geschichte von Tino und Klara nicht nur in der Schublade bleiben, sondern hoffentlich möglichst viele Personen ansprechen, inspirieren und auch helfen, sich weniger alleine zu fühlen. Im Rahmen von «Schweizer Jugend forscht» entwickelte ich auf Grundlage meines Buches ausserdem eine Vorstellungsveranstaltung für Schulklassen, um spielerisch in den Themenkreis der Integration einzuführen.

Wie bist du auf das Thema Integration und Inklusion gekommen?

Diese Thematik ist mir persönlich sehr wichtig, da ich einen älteren Bruder mit einer kognitiven Beeinträchtigung habe. Schon als ich klein war, bemerkte ich, dass er an alltäglichen Dingen oftmals nicht teilnehmen konnte. Ich fragte mich, warum das so ist. Auch die erstaunten Blicke und Reaktionen vieler Personen konnte ich schon früher nur schwer einordnen und nachvollziehen. Aus dieser persönlichen Motivation heraus nutzte ich meine Maturaarbeit, um dieses Thema aufzugreifen und gestalterisch zu verarbeiten.

Was ist der Inhalt des Buches? 

Das Buch «Zusammen» stellt zwei Welten dar, die sich zu Beginn noch nicht kennen, doch mit der Zeit immer näher zusammenwachsen. Die eine Welt stellt Tino dar, der in eine öffentliche Schule geht, die andere Klara, die eine Sonderschule besucht. Nur per Zufall treffen sich die beiden Kinder. Tino erfährt nachträglich von seiner Mutter zum ersten Mal in seinem Leben, dass es Menschen mit besonderen Bedürfnissen gibt. Tino will Klara unbedingt wiedersehen. Er nimmt alle seine Freunde mit. Alle Kinder, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigungen, erleben wunderbare gemeinsame Erlebnisse.

Worauf bist du besonders stolz bei dieser Arbeit?

Die Rückmeldungen von Lehrpersonen, die dieses Buch gerne als Lehrmittel verwenden würden, zeigten mir, dass an dieser Thematik grosses Interesse besteht. Auch Eltern, die das Buch «Zusammen» ihren Kindern zeigen möchten, ermutigten mich. Ich denke speziell auch an die Mutter, deren Tochter mir als grosse Inspirationsquelle für meine Protagonistin Klara gedient hat: Sie erzählte mir, dass ihre Tochter trotz ihrer Bedürfnisse in keiner Umgebung eingebunden wurde, ausser beim Tanzen. Das Buch hat ihr sehr gefallen.

Was würdest du aus heutiger Sicht anders machen?

Nachträglich würde ich die Geschichte des Buches gerne noch weiterentwickeln. So hätte ich die Chance gehabt, mehr gemeinsame Erlebnisse zwischen den Kindern mit und ohne Beeinträchtigung darzustellen.

Wie schaust du auf deine Kantizeit in Beromünster zurück?

Ich schaue auf sechs lange und intensive Jahre zurück, in denen ich sehr vieles gelernt habe. Gleichzeitig konnte ich während der Kanti tolle Menschen kennenlernen. Die Maturaarbeit war für mich auf jeden Fall ein Highlight. Sie gab mir die Möglichkeit, meine Gestaltungsfreude mit einem Thema zu kombinieren, in das ich mit grossem Interesse «hineintauchte». Auch die Zusammenarbeit mit meiner Coachin, Flavia Steiger, empfand ich als grosse Bereicherung. Ihre Unterstützung habe ich sehr geschätzt.

Was ist der Inhalt deines Praktikums in Zofingen und was beseelt dich dabei?

Als Praktikantin ist es meine Aufgabe, die Lehrperson in der Klasse zu unterstützen. Ich arbeite, spiele, turne, schwimme, koche, mache Pausenaufsicht, wickle, gehe in den Wald und esse gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen. Dabei finde ich es sehr spannend, dass ich in mehreren Klassen (Basisstufe, Mittelstufe, Oberstufe) tätig bin und so einen grossen Einblick in diesen Beruf erhalte. Die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern erfüllt mich: Kein Tag ist wie der andere und ich sehe, dass ich gebraucht werde. Das Lachen eines glücklichen Kindes macht mir unglaublich Freude und gibt mir auch in schwierigen Momenten Kraft. 

Was konntest du von deiner kreativen Arbeit bei deinem Praktikum in der heilpädagogischen Schule Zofingen anwenden?

Mein Buch «Zusammen» stellte ich der Schulleitung und der Lehrerschaft der heilpädagogischen Schule Zofingen vor. Die positiven Reaktionen erfreuten mich sehr. Damit die Geschichte und die damit verbunden Denkanstösse nun an einem Ort auch Realität werden konnten, wurde eine wunderbare Idee umgesetzt: Mit Maturandinnen und Maturanden (Ergänzungsfach Bildnerisches Gestalten) der Kantonsschule Zofingen entstand ein gemeinsames Kunstprojekt. Die Kinder und Jugendlichen trafen sich über mehrere Wochen, malten, zeichneten und modellierten zusammen. Am Schluss dieses Projektes gab es eine Ausstellung mit den überraschenden und wunderschönen Ergebnissen. Die nachträglichen Kommentare aller Beteiligten zeugen von grosser Begeisterung, Freude, Spass und Interesse. Die Schülerinnen und Schüler sind der Meinung, dass man dieses bereichernde Projekt unbedingt wieder durchführen soll. Zusätzlich wählte das Schwerpunktfach Musik einige Bilder aus und komponierte dazu eigene Musik.


Das spontan entstandene Kunstprojekt der Kantonsschule und der Heilpädagogischen Schule Zofingen: Gelebte Inklusion.


Wie hat sich dein Leben nach dem Schulabschluss konkret verändert?

Mein Traum ist es, schulische Heilpädagogin zu werden. Nachdem ich die Schule beendet habe, bekam ich die tolle Chance, genau diesem Ziel nachzugehen. Ich kann nun meinen persönlichen Interessen und Neigungen ausleben, was ich sehr schätze.

Was hast du für Pläne in der Zukunft? 

Da schulische Heilpädagogik ein Masterstudiengang ist, beginne ich diesen Herbst vorgängig mit dem Bachelorstudiengang Psychomotoriktherapie an der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich. Ich freue mich auf diesen neuen Lebensabschnitt. 

Was möchtest du der Leserschaft des Anzeigers Michelsamt mitgeben, wenn du schon mal das Wort hast?

In der Realität ist es noch häufig so, dass Menschen mit Beeinträchtigung im geschützten Rahmen in Institutionen leben, doch auf diese Weise gleichzeitig fast isoliert sind. Ich finde es wichtig zu wissen, dass bei Möglichkeit und Wille ein gemeinsames Miteinander, also wahre Inklusion wunderschön und eine Bereicherung für alle Teilnehmenden darstellen kann!




Zu Besuch, wo Anna-Maria Richard sechs Jahre zur Schule ging: Rektor Marco Stössel nahm sich gerne Zeit für ein Gespräch.

 

Persönlich: Das ist Anna-Maria Richard

Lieblingsfarbe: Diese variiert bei mir je nach Lust und Laune. Jede einzelne Farbe kann meiner Meinung nach schön wirken, wenn sie in einer passenden Kombination mit einer anderen Farbe steht.

Geburtstag: 6. August 2004

Hobbies: Malen, Zeichnen, sich mit Freunden treffen, neue Orte entdecken

Schulerinnerung: Meine Klasse und ich hatten das grosse Glück, die ersten zwei Jahre unserer Kantizeit Michael Rauter (†) als Klassenlehrer zu haben. Er hatte stets für alle seine Augen und Ohren offen. Herr Rauter war eine wunderbare Person und ich bin dankbar, dass ich ihn kennenlernen konnte.

Lieblingsessen: Pasta

Lieblingsmusik: Ich liebe Musik und höre je nach Stimmung unterschiedliche Stile.

Lieblingslektüre: «Stolz und Vorurteil», der bekannteste Roman der britischen Schriftstellerin Jane Austen

Mag ich sehr: Inspirierende und tiefe Gespräche mit tollen Personen führen. Anderen Menschen (kleine) Freuden bereiten. Am Meer sein.

Mag ich gar nicht: Arroganz, Egoismus und Respektlosigkeit gegenüber anderen Menschen





Saubere und sehr kreative Arbeit: Einblick in das Skizzenbuch von Anna-Maria Richard.


Interview und Bilder: Karl Heinz Odermatt




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