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«An Himmelfahrt da läuft was!»

Es liegt eine gespannte Erwartung in der Luft, wenn sich Musik, Pferde, Reiterinnen und Reiter formieren für den Abritt. «Eigentlich ist es immer dasselbe», sagte eine Zuschauerin lachend, die zusammen mit Familie und Freunden – wie jedes Jahr – am Rande die Prozession in Rickenbach bestaunte. Aber genau das sei doch das Schöne: Jedes Jahr wieder diese über 500-jährige Tradition mitzuerleben, die Ehrfurcht, der Glaube, das Erahnen der Mystik und ein Gefühl von Gemeinschaft.

Für viele im Michelsamt ist Auffahrt, so sagen sie, der schönste Tag im Jahr. Hunderte von Bildchen und Videos schwirrten denn auch den ganzen Auffahrtstag lang durch alle Social- Media-Kanäle und versprühten digital Stimmungen vom Umritt, genauso wie der Wind schon frühmorgens das Hufgetrappel von über hundert Pferden und die Klänge der Reitermusik über die Felder trug – aber nichts davon kam dem Erlebnis gleich, wie wenn man selber dabei war.

«An Himmelfahrt, da läuft was!», sagte Bischof Felix Gmür beschwingt in Rickenbach zum Auftakt seiner ansprechenden Festpredigt. Die Pfarrkirche war gefüllt bis auf den letzten Platz und bot manch einem durchfrorenen Pilger an diesem kühlen Maitag angenehme Wärme. «Alles ist in Bewegung», sagte der Bischof, «wir sind in Bewegung heute, von Beromünster nach Rickenbach, aber auch Gott ist in Bewegung.» Einen Arm gelassen auf der Kanzel abstützend, den andern ausschweifend gestikulierend, untermalte er seine Worte volksnah und direkt. «Geht raus, bewegt euch!» Bewegung zwischen Erde und Himmel, das Kommen und Gehen – dies sei die Bewegung der Gemeinschaft. «Und das ist manchmal ziemlich anstrengend!», führte er aus, denn «wo Bewegung ist, da gibt es auch Zweifel und Reibung.» In Bewegung zu bleiben sei unerlässlich, denn Jesus habe gesagt: «Ich gehe mit euch bis ans Ende der Welt.»


Faszination Einzug in den Flecken

Nach dem Abritt in Rickenbach um 11 Uhr und dem Weiterziehen bei immer noch bedecktem Himmel und kühlen Temperaturen über Seeblen, Winon und Witwil formierten sich dann alle um 14 Uhr bei der Mooskapelle Beromünster für das grosse Finale, den Einzug in den Flecken. Seit jeher hat dieses Ereignis nichts an Faszination verloren. Die Flächen entlang der Strasse zwischen den beiden Häuserzeilen mit geschmückten Fenstern füllte sich zusehends mit unzähligen Leuten in Erwartung des grossartigen Schauspiels, und ihr Gemurmel im Widerhall der Mauern gewann zunehmend an Volumen. Der Festredner bat, nicht zu applaudieren wegen der Pferde. «Dreimal ziehen die Rösser an euch vorbei», erklärte er das erhebliche, seit Jahrhunderten gleichbleibende und festgelegte Prozedere den Flecken hinauf, hinunter und wieder hinauf.


Bereit! Vorwärts! Marsch!

«Brot vom Himmel hast du uns gegeben...» vernahm man die Worte von Pater Bruno Oegerli durch die Lautsprecher, der die Segensbitten aussprach unter dem weissgoldenen Tuch, getragen von den vier Himmelsträgern um ihn herum. Bischof Felix Gmür bezog sich auf diesen Himmel in seiner Kurzpredigt hoch zu Ross. «Geht nach Galiläa. Schaut nicht zum Himmel, sondern helft, dass ein Stück Himmel auf die Erde kommt!»

Ein von allen gemeinsam gesprochenes Vaterunser erfüllte den ganzen Möischterer Flecken in unvergleichlicher Weise, und kurz darauf kam das Kommando der Reitermusik: «Tantum Ergo! Bereit, vorwärts, Marsch!» Und der Tross setzte sich wieder feierlich in Bewegung. Dreimal zog er an den Leuten vorbei, und erst nach dem obligaten Ständchen der Reitermusik im oberen Flecken löste sich die Menge allmählich auf. In mancher Flecken-Stube blieb man noch in netter Runde beisammen bei einem gediegenen Glas Wein und einem Stück Bierbrot, während man beim Scholbrunnen und in der Enoteca Ramundo der an Eindrücken reiche Tag ausklingen liess. Alle die hier waren, hatten etwas gemeinsam: Sie hatten in irgendeiner Weise an der 514. «Möischterer Uffert» teilgenommen.


780 Kilometer versus 18 Kilometer

Marijke aus Holland war extra wegen Auffahrt nach Beromünster gekommen und sass nun mit Jolien van Ekkeren in der Enoteca bei einem Glas Weissen. Von halb sechs Uhr früh bis 14 Uhr ist sie 780 Kilometer gefahren – gleich lang wie Jolien als Pilgerin auf der Prozession 18 Kilometer zu Fuss unterwegs war. «Schön und beeindruckend, diese Pferde und die Musik!», fand Marijke. Sie war erstaunt über den grossen Besucheraufmarsch. «In Holland würde niemand für sowas so viel Enthusiasmus aufbringen. Es wirkt streng katholisch.» Jolien meinte: «Hey, ich darfs ja nicht sagen, aber inzwischen will ich an Auffahrt nie mehr weg! Die Besinnlichkeit und die Impulsfragen... ich finde pilgern sehr schön. Wenn dann alle im Flecken zusammen ‹Grosser Gott wir loben dich› singen, ist das sehr berührend.»


Allen ihre eigene Auffahrt

Gleich am Tisch nebenan sassen Margrit und Anton Fleischlin aus Hildisrieden, zwei engagierte Umgänger. «Wir machten beide Umzüge, den Sempacher und den Möischterer», erzählten sie. Um sechs Uhr starteten sie in Sempach und um 14 Uhr waren sie in Beromünster für den Einzug. «Jetzt sind wir am ‹ausplampen› bei einem Glas Rotwein. Weshalb Auffahrt? Aus Tradition und aufgrund unserer Herkunft!» Auch Hansjörg Schüpfer war erst beim Einzug dazugekommen, zum Zuschauen. Er hat dennoch einen wichtigen Einsatz geleistet, denn er musste für sieben Frauen, die umgingen, einen Tisch reservieren. Eine von ihnen war Silvia, und sie hat den ganzen Umlauf bestritten. «Wirklich! Das mache ich jedes Jahr, konsequent», sagte sie, «man muss diese Tradition wahren.» Der Sinn dafür ist bei ihr ebenfalls familiär bedingt, ihr Vater ist dreissig Mal, ihr Schwiegervater sechzig Mal umgeritten.

Nebenan am Scholbrunnen standen vier «Möischterer» gemütlich beim Bier. «Ich habe den ganzen Umlauf gemacht, aber die Kirche in Rickenbach ‹geschwänzt›. Dafür gabs ein gutes Kafi!», erzählte Pius Furter. Warum? «Freude am Brauchtum, und man trifft viele Leute.» Erwin Herzog wählte zusammen mit seiner Tochter die verkürzte Variante nur bis Rickenbach und Patrick Curschellas nahm die Version mit Abzweiger in der Seeblen. «Jeder hat ein wenig seine eigene Auffahrt», meinte er dazu. Sein berührendstes Erlebnis war der Sonnenaufgang auf der Erlosen exakt zusammen mit der Nationalhymne der Reitermusik. Markus Blum hingegen nahms pragmatischer. Er hat am Vorabend geholfen, den Kranz zu stellen. Weshalb? «Weil ich bei der Gemeinde arbeite!»

Ein Tisch weiter dann fünf heitere Vertreter der jüngeren Generation: Damian, Alessia, Daniel, Renato und Nadine. Sie sind die Etappe Rickenbach-Beromünster gelaufen und verkündeten bereits: «Nächstes Jahr wollen wir reiten!» Den Rosenkranz gebetet auf der ganzen Strecke hat Hans Galliker aus Schlierbach, zusammen mit seiner Grossfamilie. «Vom Schlössliwald bis Hasenhusen jedes ‹Gesätz› zehn Mal, das geht auf», erklärte er, wie die Wechselgebete auf die Route abgestimmt sind. Er kenne das von früher her, von seinen Eltern. «Das sind uralte Gebete. Daraus kann ich Kraft schöpfen.» So erlebten alle gemeinsam und doch individuell ihre eigene, ganz persönliche Auffahrt. 


Alles innert einer Stunde organisiert

Auffahrt verbindet und bewegt. Die Menschen, ihre Gemüter, und vor allem auch viel an Organisationsaufwand. Vom Kranzstellen in den Weilern über die Bewirtung in all den Wirts- und Gasthäusern bis hin zum Ordnungs- und Sanitätsdienst wird alles für einen reibungslosen Ablauf mobilisiert, genauso präzis und geflissentlich wie die Finger der Pilger, die in Andacht Perle um Perle der Rosenkränze abzählen.

Wie viele dem Grossanlass beiwohnten, lässt sich schwer beziffern, aber es sei vergleichsweise «wie jedes Mal» gewesen, sagte Pastoralraumleiterin Theres Küng im Nachgang. Und es sei ein Phänomen: Innerhalb einer einzigen Stunde Sitzung mit Polizei, Sanität, Kirchenräten und Kommandant sei alles organisiert gewesen. «Das läuft wie von selbst. Da kann man nur staunen!» Eben, wie sagte der Bischof? An Himmelfahrt, da läuft was.


«... dann ist schon vieles sehr gut.»

Verantwortlich für alles, was mit Pferden zu tun hat sowie für den ganzen Ablauf der Prozession, ist Kommandant Pius Muff aus Gunzwil. 24 Pferde für die Musikanten, 14 für die Kirchenräte von Beromünster und Rickenbach, 16 für die Sänger, 5 für die Geistlichen plus Sakristan und 14 für den Ordnungsdienst, dazu noch Vereinzelte, das heisst: Verantwortung über hundert Pferde und ihre Reiter am «Möischterer Umritt».

Die Aufstellung und Aufreihung der verschiedenen Gruppen in der Prozession sei seit «eh und je gleich», sagt er, wohl aber seit Jahrhunderten. Wenn es dann läuft, beim Abritt morgens um halb sechs, «dann ist schon sehr vieles gut!» für den Kommandanten, der bereits seit 23 Jahren und immer noch gerne in dieser Funktion steht. Selber umgeritten ist er schon 39 Mal – die beiden inoffiziellen Umritte während Corona ausgenommen. Auffallend wenige Zivilreiter hatte es dieses Jahr, was Pius Muff auf diesen Unterbruch zurückführt. Wer die Auffahrt einmal vom Pferdesattel aus miterleben möchte, müsste etwa fünfmal vorher ausreiten, dann geht das prima. Auch für die Geistlichen gehört das vorgängige Übungsreiten unter seiner Aufsicht jedes Jahr dazu.

Text und Bilder: Ursula Koch-Egli


Weitere Bilder und Impressionen der 514. «Möischterer Uffert» vom 18. Mai 2023:


Zum 514. Mal: Einzug in den Flecken.
Aus den Fenstern der Fleckenhäuser genoss man gute Aussicht auf das Geschehen.
Umrahmt von den vier Himmelsträgern spricht Pater Bruno Oegerli den Segen.




Schlussbouquet dieser Bilderserie!



Bilder: Ursula Koch-Egli




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