An diesem Stammtisch sitzt die ganze Welt
Seit ein paar Wochen leben in der Region ukrainische Flüchtlinge. Nun beginnt die Integration und diese geschieht nicht nur in der Schule oder bei der Arbeit – sie wird bereits seit Jahren am Stammtisch gelebt.
Die Michelsämter reagierten rasch auf den russischen Angriffskrieg. Nur Tage nach dem Einmarsch wurden Flüchtlinge aus der Ukraine in den eigenen Reihen aufgenommen – rasch tauchte aber auch die Frage der Integration auf. Wie können die Geflüchteten in das Leben in der Schweiz integriert werden? Anders als bei der Flüchtlingswelle 2015 sind es diesmal vorwiegend Frauen und Kinder, die nach Schutz suchen. Erste Integration-Schritte wurden unternommen. Für die Kinder fand man Platz in der Schule, für die Mütter wurden Deutschkurse organisiert. Was viele nicht wissen: Es gibt da noch ein weiteres Instrument, das sich bereits seit Jahren etabliert hat: das Plauderkaffee der Kulturen. Dieses wurde 2017 von engagierten Frauen ins Leben gerufen. Jeden Dienstag steht von 9.45 bis 11 Uhr im Fläcke-Kafi ein Tisch für den Austausch zwischen Einheimischen und Migranten bereit. «Wir treffen uns, um miteinander Deutsch zu sprechen», steht auf dem Flyer. Wie sind die Erfahrungen mit dem Plauderkaffee? Ein Besuch zeigt: Der Treffpunkt hat sich etabliert. Seit 2017 hat er ununterbrochen stattgefunden, mal mit mehr, mal mit weniger Besuchern. «Im Durschnitt kommen etwa acht Personen», sagt Lismarie Koch. Sie ist eine der ehrenamtlichen Personen, die sich für das Plauderkaffee engagieren.
Symbolischer Beitrag
Beim Besuch an einem Dienstag im April sitzen vier Personen mit ausländischen Wurzeln am Stammtisch im Fläcke-Kafi und unterhalten sich. Aziza hat ihre Unterlagen für ein Bewerbungsschreiben mitgenommen und feilt an den deutschen Sätzen, während Lula immer ein Auge auf ihre zwei Jungs hat, die im Kafi mit den Spielsachen beschäftigt sind. Ibrahim und Jeya unterhalten sich mit den deutschsprachigen Frauen vom Plauderkaffee über das, was sie gerade so im Leben beschäftigt. Ibrahim ist 25 Jahre alt und kommt aus Afghanistan. Er lebt erst seit ein paar Wochen in Beromünster. Auf die Frage, wie es ihm in Beromünster gefällt, nickt er mit einem Lächeln. Sein Deutsch ist noch nicht so sattelfest. Um es zu verbessern, besucht er in Luzern Deutschkurse. Wie viele Migranten wohnt er in einem Block an der Schuelgass in Beromünster. Auch Lula wohnt dort. Die Eritreerin lebt seit sechs Jahren hier und hat kaum ein Plauderkaffee verpasst. «Es ist sehr schön und hilft mir weiter», sagt sie.
Die Gespräche beim Plauderkaffee sind spontan, Regeln gibt es nur eine: Die Gespräche sollen auf Deutsch geführt werden. Auch Einheimische sind eingeladen, sich dazuzusetzen. Bisher gab es das aber selten. In der Mitte des Tisches steht eine Aludose, die als Kasse umfunktioniert wurde. Alle legen einen Franken pro Getränk in die Dose, die Differenz verrechnet das Team vom Fläcke-Kafi direkt an die katholischen und reformierten Kirchgemeinden, die das Projekt unterstützen. «So können auch Menschen kommen, die mit geringen finanziellen Mitteln auskommen müssen, egal ob Schweizerinnen oder Ausländer», sagt Lotti Sigrist, die sich seit Beginn für das Plauderkaffee engagiert.
«Einen kleinen Beitrag leisten»
Entstanden ist das Plauderkaffee 2017, nachdem die Zivilschutzanlage Linden geschlossen wurde, wo seit Ende 2015 vorwiegend junge Männer aus Afghanistan einquartiert gewesen waren. Mit der Idee weiter einen Begegnungsort für diese und andere Menschen mit Migrationshintergrund in der Gemeinde zu erhalten und den Austausch mit der Lokalbevölkerung zu pflegen, wurde das Plauderkaffee von engagierten Frauen lanciert. Es gibt ein Kernteam von fünf Frauen, die regelmässig beim Plauderkaffee mitwirken, wobei immer mindestens zwei im Restaurant anwesend sind. «Eine alleine, würde der Sache nicht gerecht», sagt Lismarie Koch.
«Man muss Menschen gern haben», antwortet sie auf die Frage, welche Eigenschaften es braucht, um sich in Integrationsanliegen wie dem Plauderkaffee zu engagieren. Ein Grund für ihr Engagement ist die eigene Geschichte. «Ich kann mich gut einfühlen, auch ich habe einen Migrationshintergrund», sagt die gebürtige Estländerin, die vor 62 Jahren in die Schweiz kam. «Im Plauderkaffee begegnen sich Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen. Dies empfinde ich für mich persönlich und für ein gemeinsames Miteinander in der Gemeinde als Bereicherung», sagt Christl Neuser-Lücke, die erst neu im Team mitwirkt. «Die Geschichten und Erfahrungen sind teilweise sehr berührend und die Integration oft mit Hürden verbunden. Hier möchte ich einen kleinen Beitrag leisten!»
Das Plauderkaffee ist eine Möglichkeit, um sich gegenseitig kennenzulernen. Aktuell kann es auch ein erster Schritt sein für die geflüchteten Ukrainer, Beromünster und seine Bevölkerung kennenzulernen. Wie geht das besser als bei einem Kaffee im Restaurant?
Text und Bilder: Sandro Portmann