Ab in die Mulde – und dann?
Altpapier, Plastik, PET und Co: In Haushalten sorgfältig getrennt, in Sammelstellen in die Mulden geworfen: Für Verbraucher und Konsumentinnen ist die Recycling-Arbeit damit getan. Was aber geschieht mit all dem Material danach? Ein Blick über den Containerrand hinaus in die Recycling-Organisation.
Auf dem Sammelhof geht es flink zu und her. Autos stehen mit geöffneten Türen in der Reihe, Leute gehen hin und her, tragen volle Taschen und Kisten zu den Containern und leere zurück. Da scherbelt es Glas, dort donnert eine Pfanne in die Mulde, Plastik und Papier werden sackweise geleert, ausgediente Elektrogeräte abgestellt.
Ein Vater ist damit beschäftigt, Taschen aus dem Auto zu laden, seine Jungs leeren sie in die richtigen Container. «Es gehört halt dazu», sagt er, «wir produzieren ‹Güsel›, den muss man auch wieder entsorgen.» Der elfjährige Orlando kippt eine Kiste voller Altglas in den Container, dass es scheppert. Ob er auch wisse, was mit dem Glas danach geschieht? Der Junge lächelt achselzuckend.
In der regionalen Sammelstelle Keller Beromünster AG können über dreissig verschiedene Wertstoffe entsorgt werden. Alles zu Hause schön sortiert, im Sammelhof ins richtige Fach geschmissen – alles leer, alles gut. Der Recyclingjob ist gemacht. So jedenfalls für Verbraucher und Konsument:innen, für die Recycling-Organisation beginnt die Arbeit erst jetzt.
Flasche, Flocke, Vorformling
Laufend verlassen riesige, 50 Kubikmeter fassende Container auf Lastern den Sammelhof. Aus dem Auge, aber nicht aus dem Sinn. Ein Blick über den Containerrand hinaus auf die Weiterreise von PET, Glas, Metall, Plastik, Papier und Elektroschrott im Stofffluss der Kreislaufwirtschaft: Das PET zum Beispiel, mit vollem Namen Polyethylenterephthalat, ist ein sehr leichtes Material und wird nach dem Wegtransport zum Recycler kompakt zu 250 Kilogramm schweren Ballen gepresst. Diese werden in die Sortierzentren gebracht, wo sie wieder zerpflückt und nach Farben sortiert werden. Das sortierte Material wird zerkleinert zu «Flakes», also Flocken, aus denen unter Hitze eine neue Flaschen-Vorform entsteht, etwa wie ein Reagenzglas, aber schon mit fertigem Flaschenhals. In den Getränke-Abfüllanlagen werden diese «Vorformlinge» dann zu neuen Flaschen geformt.
Granulat und Schaumglasschotter
Anders das Altglas, das sehr viel mehr Gewicht hat. Da können dieselben 50-Kubik-Container nur teilweise gefüllt werden für den Transport zu den Aufbereitungsanlagen. Dort wird das Glas, nachdem Fremdmaterialien auf einem Förderband von Hand aussortiert wurden, im Glasbrecher knirschend zerkleinert zu einem Granulat, das bei 1580 Grad Celsius wieder eingeschmolzen und zu neuen Glasbehältern geformt werden kann. Oder aber das Granulat wird zur Produktion von Schaumglasschotter verwendet, etwa zur Dämmung in der Bauindustrie.
Brei und Schredderleichtfraktion
Und das Papier? Es wird zu Brei. Die vollen Container gelangen vom Sammelhof aus direkt in die Papierfabrik, wo der Wertstoff ebenfalls sortiert und dann zu Ballen verpresst wird. Im grossen «Pulper», einer Art Mixer, mit Wasser vermischt, entsteht dann daraus ein breiartiges Gemisch, das gereinigt, gestrichen, geglättet und auf riesige Rollen aufgezogen wird – Ausgangsmaterial für neue Recycling-Papierartikel.
Die Altmetallmulde, wo von Aludose über Pfanne, Werkzeug bis zum Velo alles landet, wird direkt zu Alteisen-Verwertern gebracht. Der Inhalt kommt als Sammelschrott in den Schredder und wird von anhaftenden Fremdstoffen befreit. Magnetabschneider trennen Eisenschrott von Nichteisenmetallen und sogenannten nichtmetallischen Fraktionen. Die aufbereiteten Schrottsorten gehen dann wieder an die Stahlwerke und Giessereien zur Herstellung neuer Metallteile. Bei dem Prozess gibt es Rückstände wie Schrottschutt und Schredderleichtfraktion, die aus mineralischen oder brennbaren Materialien bestehen und nicht rezykliert werden.
Altgeräte von Hand zerlegt
Und was mit Elektro- und Elektronikgeräten? CD-Player, Drucker, Staubsauger, Waschmaschinen... Sie gelangen ebenfalls in spezialisierte Recycling-Betriebe, wo in einer Vortriage die Bestandteile manuell zertrennt, zerlegt und sortiert werden. In diesen Geräten sind zahlreiche Rohstoffe enthalten wie Edelmetalle, Metalle, Aluminium und Kunststoffe. Diese werden aussortiert und wieder den verschiedenen Kreisläufen zugeführt. Die Altgeräte müssen von Hand von den Schadstoffen befreit werden, bevor sie in einem rotierenden Kettenwerk schonend zerschlagen werden. Als Gemisch einzelner Komponenten gelangen diese aufgelösten Geräte als Granulat zurück in den Wertstoffkreislauf, wie der Webseite von Swiss Recycling zu entnehmen ist.
In 500-Kilo-Würfel gepresst
Was in den letzten Jahren stark zugenommen hat, ist die Plastiksammlung. Die Sammelsäcke voll mit Waschmittelflaschen, Folien, Verpackungen, Spielzeug... werden im 50-Kubikmeter-Container wegtransportiert und beim Recycler zu einem kompakten Kunststoffwürfel von etwa 500 Kilogramm Gewicht und der Grösse von gut einem Kubikmeter zusammengepresst, das Volumen also ums 50-fache verkleinert. Diese Würfel werden zur Firma Innorecycling in der Ostschweiz geführt, wo sie maschinell wieder auseinandergepflückt und in die verschiedenen Kunststoffarten aufgeteilt werden. Zu einem braunen Rohgranulat verarbeitet, bilden sie Rohstoff für neue Kunststoffartikel.
Trennen nicht gleich Trennen
Wer an verschiedenen Orten sein Material entsorgt, merkt: Nicht überall wird gleich getrennt. Da fragt man sich: Wieso wird an der einen Stelle Glas und Metall nach Farben und Sorten getrennt und andernorts landet alles in der gleichen Mulde? «Sortenreines Trennen von Metall beispielsweise ist auf jeden Fall nötig», erklärt Michael Keller von der Sammelhof Keller Beromünster AG.
«Aber je feiner die Gütertrennung durch die Kunden selber auf der Sammelstelle gemacht werden muss, umso mehr Fehlwürfe gibt es aufgrund Unwissenheit oder Bequemlichkeit. Um diesen Aufwand für alle möglichst klein zu halten, sammeln wir beim Metall alles zusammen, und es wird später durch den Recycler getrennt.»
Wertstoffe im Fluss
Auf der Webseite www.swissrecycling.ch kann der Weg der entsorgten Güter auf den sogenannten Stoffflussdiagrammen spannend überblickt werden. Sie stellen den Weg der Materialien von der Sammlung bis zur Verwertung auf einen Blick dar. Was dort zudem auffällt ist der Begriff «Wertstoffe». Da ist nicht von Sammelgut die Rede und schon gar nicht von Abfall, sondern von Wertstoffen. Von Material also, das einen konkreten Wert hat in der Kreislaufwirtschaft.
«Abfall ist ein Spiegel unseres Konsumverhaltens», heisst es auf www.swissrecycling.ch. «Die Schweiz hat eines der weltweit höchsten Abfallaufkommen der Bevölkerung. Zwischen 1970 und 2013 hat sich die jährliche Produktion von Abfall mehr als verdoppelt, von 309 auf 707 Kilogramm pro Person.» Diese Zunahme sei unter anderem auf das Wirtschaftswachstum zurückzuführen, heisst es weiter, aber im Laufe der Zeit wurde jedoch nicht nur immer mehr Abfall produziert, sondern auch immer mehr wieder in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt. In der Schweiz werden gegenwärtig 53 Prozent des Siedlungsabfalls rezykliert.
«Immer mehr Volumen»
Zurück zum Sammelhof in Beromünster. «Tendenziell gibt es immer mehr Volumen», erklärt Michael Keller. «Der Mix aus Entsorgungsgütern ist aber über die Jahre in etwa gleich geblieben.» Die Sammelstelle basiert auf viel Eigenverantwortung der Kundschaft. «Wir wollen das Konzept möglichst einfach und pragmatisch halten für die Leute, mit offenen und zugänglichen Containern. Hier funktioniert das. In grösseren Ortschaften und Städten müssen Sammelstellen abgesperrt werden. Damit nur abgeladen wird, was und wo es auch abgeladen werden darf!»
Die Keller Beromünster AG begann 1993 mit der Wiederverwertung von Materialien aus dem Restholzbereich. Bald kam eine Kartonmulde hinzu für den industriellen Bedarf. Die Nachfrage nach Entsorgungsmöglichkeiten wurde stetig grösser und inzwischen können in der Sammelstelle Keller über dreissig verschiedene Wertstoffe entsorgt werden.
Am meisten wird übrigens jeweils an Samstagen entsorgt. Durchs Jahr hinweg sind es vor allem die Zügeltermine, die sich auf dem Sammelhof mengenmässig bemerkbar machen. «Wenn Mobiliar in Bewegung kommt, wird dabei auch immer einiges entsorgt und anderes angeschafft. Das merken wir dann hier!» Der Peak in Sachen Materialentsorgung wird aber definitiv nach Weihnachten und Neujahr erreicht. Alte Geräte werden gebracht, viel Karton und Verpackungsmaterial wird entsorgt.
Text: Ursula Koch-Egli, Bilder: Swiss Recycling / uke