15 Jahre nach Schädelhirntrauma: Simon Boog kehrt als Projektleiter in Klinik zurück
Mit 16 Jahren erlitt Simon Boog bei einem Skiunfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Nach sechs Wochen Koma erholte er sich in der Rehaklinik Bellikon in Rekordzeit und konnte wieder ins Arbeitsleben einsteigen. 15 Jahre später kehrt er als Projektleiter in die Klinik zurück.
Der erste Tag in der Rehaklinik Bellikon sei «der blanke Horror» gewesen, erzählt der 32-jährige Simon Boog aus dem luzernischen Schenkon. Damals war er gerade einmal 16 Jahre alt. Nach einem Skiunfall im Februar 2009 erlitt Simon ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Fast sechs Wochen lag er im Unispital Zürich im künstlichen Koma. Danach wurde er in die Rehaklinik verlegt. «Da habe ich nur noch aus Haut und Knochen bestanden», erinnert er sich. Er konnte sich kaum ausdrücken, nicht selbständig essen – und keinen Schritt gehen. Am ersten Tag sagte ihm eine Ärztin, sie rechne mit sechs bis acht Monaten Klinikaufenthalt. Für Simon brach eine Welt zusammen. Denn er wollte so bald wie möglich wieder auf dem Fussballplatz stehen und seine Lehre als Automobilmechatroniker fortsetzen.
Ein ehrgeiziges Ziel
«Nach der Mitteilung der Ärztin habe ich erst einmal zwei Stunden geweint», erzählt er. Doch er war schon immer ein Kämpfer und liess den Kopf nicht lange hängen. Noch am selben Tag setzte er sich ein ehrgeiziges Ziel: Nur gut zwei Monate später wollte er am Auffahrtsumritt in Beromünster teilnehmen. Bei diesem traditionellen Anlass werden 18 Kilometer Fussmarsch zurückgelegt. Simon wollte seiner Familie und seinen Freunden zeigen, dass er bis dann wieder auf den Beinen sein würde. «Never give up.» Gib niemals auf. Diesen Satz hat sich Simon Boog auf seinem linken Arm tätowieren lassen. «Dieses Mantra hat sich im wahrsten Sinne des Wortes in mir eingebrannt», sagt er.
Mit Kampfgeist zurück ins Leben
Von da an steckte der junge Mann seine ganze Energie in die Therapie: Er machte Krafttraining, lernte wieder lesen, sprechen, laufen und selbständig duschen und essen. Um seine Feinmotorik zu trainieren, baute er Rollstühle auseinander und wieder zusammen. Nie konnte es ihm schnell genug gehen: Statt sich auszuruhen, machte er oft Extra-Liegestützen oder übte das Treppensteigen.
Tatsächlich erreichte Simon sein hochgestecktes Ziel und erholte sich in Rekordzeit. Nach zweieinhalb Monaten durfte er nach Hause. Am Auffahrtsumritt war er dabei und überstand die 18 Kilometer ohne grössere Probleme, worauf er noch heute stolz ist. Als Vater eines inzwischen zweijährigen Sohnes resümiert er: «Es war wohl mein unglaublich starker Wille, der massgeblich zu der raschen Genesung beigetragen hat.» Genauso wichtig sei aber die Unterstützung aus seinem Umfeld gewesen. Fast jeden Abend besuchten ihn seine Eltern, Brüder oder Freunde. Das gab ihm viel Kraft. «Während meiner Zeit in Bellikon war ich nur gerade an zwei Abenden allein», erinnert er sich.
Plötzlich erwachsen
Ob der Unfall ihn als Person verändert habe? «Ja, ganz klar», ist seine Antwort. Er sei auf einen Schlag viel erwachsener geworden als seine Gleichaltrigen – oder anders gesagt: vernünftiger. Ausserdem habe er in der Rehaklinik viele Leidensgeschichten gesehen, die in ihm Empathie gegenüber seinen Mitmenschen hervorgerufen haben, welche bis heute geblieben ist.
Als Projektleiter wieder in Bellikon
Geblieben ist auch eine grosse Dankbarkeit für seine vollständige Genesung – vor allem gegenüber dem Team der Rehaklinik Bellikon «Auf dem Weg zu meiner Wiedereingliederung konnte ich auf die Unterstützung den besten Ärzten, Therapeutinnen und Pflegekräften zählen – das werde ich nie vergessen.» Und er fügt an: «Wenn ich auch nur einer verunfallten Person Mut und Zuversicht spenden kann, bin ich glücklich.» Er selbst sei dem Team der Rehaklinik Bellikon für immer dankbar. So erstaunt es nicht, dass er etwas zurückgeben wollte, als sich ihm diese Möglichkeit bot. Dazu kam es, als sein damaliger Arbeitgeber Schindler den Auftrag für den Lift im neuen Bettenhaus erhielt. Als er davon hörte, war für ihn sofort klar: «Dieses Projekt möchte ich unbedingt begleiten». Sein Vorgesetzter sagte zu und Simon durfte als Projektleiter den neuen Bettenlift im «Abitare» planen und realisieren.
«Wenn ich auch nur einer verunfallten Person Mut und Zuversicht spenden kann, bin ich glücklich.» Simon Boog rückblickend auf seine erfolgreiche Rehabilitation
Als 2024 das neue Klinikgebäude feierlich eröffnet wurde, war Simon als geladener Gast vor Ort. Zufrieden konnte er das Endergebnis seiner Arbeiten betrachten. Als ehemaliger Patient habe er selbst erlebt, wie wichtig das Angebot der Rehaklinik Bellikon mit der Wiedereingliederung in das Berufsleben sei. Dass sich – 15 Jahre nach seinem Aufenthalt – der Kreis geschlossen hat, ist für Simon etwas Besonderes: «Es ist schön, dass ich durch dieses Projekt meinen Beitrag für die Weiterentwicklung der Klinik leisten konnte».
Nachgefragt bei Simon Boog
Sie wohnen heute in Schenkon, sind jedoch in Gunzwil aufgewachsen. Wie verbunden sind Sie noch mit dem Michelsamt?
««Ich bin im Michelsamt sehr verwurzelt. Meine Eltern wohnen in Gunzwil mein Bruder ist Gemeinderat, meine Frau arbeitet auf der Verwaltung in Beromünster. Mein Sohn geht in die Kita in Gunzwil. Ich spiele in der Feldmusik. War 15 Jahre bei den Oelibrönnern. Ich spielte jahrelang Fussball als Junior und aktiv. Und ich habe sehr viele Freunde da. Ich fühle mich als «Gonzbeler». Meine Verbundenheit mit dem Michelsamt ist wirklich riesig. Während meiner Zeit in der Rehaklinik war ich effektiv vielleicht an zwei Abenden alleine – ansonsten waren immer meine Eltern, Brüder, Freunde oder Vereinskollegen zu Besuch. Mein Umfeld gab mir grossen Halt und Kraft. In der Kirche haben sie Rosenkränze gebetet für mich. Im FC Gunzwil haben alle zu mir gehalten, von der 1. Mannschaft über die C-Junioren bis zu den Veteranen. Auch die Oelibrönner, wo ich dann später mitspielte, die Musikgspändli von meinem Vater, einfach alle. Mein grosses Ziel war immer, beim Auffahrtsumritt dabei zu sein. Das schaffte ich und konnte beim 500. Umritt dabei sein. Seit einem Jahr bin ich nun in der Reitermusik. Damit schliesst sich ein Kreis. Es beglückt mich, dass ich das alles geschafft habe, mit dem Support von so vielen Menschen, gerade aus dem Michelsamt.»
Die Suva begleitet und unterstützt Verunfallte und Arbeitgeber:
Ein schwerer Unfall kann Menschen aus der Bahn werfen. Für die Suva ist die berufliche Wiedereingliederung ein Schlüsselanliegen und sie begleitet und unterstützt Verunfallte auf dem Weg zurück in den Alltag und ins Berufsleben. Dafür arbeitet sie eng mit Ärztinnen und Ärzten sowie weiteren Sozialversicherungen zusammen. Denn Verunfallte haben bessere Chancen auf Heilung und Wiedereingliederung, wenn sie frühzeitig und kompetent betreut werden. Die Suva unterstützt ebenfalls Arbeitgeber bei der Wiedereingliederung von verunfallten Mitarbeitenden – auch finanziell.
Text: Deborah Burri / Karl Heinz Odermatt, Bilder: zvg